Buch über den Einfluss der NS-Vergangenheit auf unsere aktuelle Sprache.

Neues Buch über alte NS-Sprache : Siegfried braut ein „braunes Süppchen“

Der Journalist Matthias Heine erforscht in einem Buch den Einfluss der NS-Vergangenheit auf unsere aktuelle Sprache.

Es gibt Wörter – wie Blockwart – die lassen sich eindeutig als Nazivokabular identifizieren. Andere werden seit dem Kriegsende vor mehr als 70 Jahren ständig verwendet, ohne dass – wie beim Wort „Eintopf“ – die historische Herkunft und die Konnotationen klar wären.

Der Berliner Journalist Matthias Heine hat jetzt ein Buch geschrieben, das sich mit dem Nazivokabular im Deutschen beschäftigt: „Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht“ heißt es und zählt zahlreiche Beispiele des eigentlich politisch nicht korrekten Sprachgebrauchs in gegenwärtigen Unterhaltungen auf. Deutlich wird dabei aber auch: Manchmal stehen Ausdrücke zu Unrecht unter Naziverdacht. Insgesamt 87 Wörter hat Heine für sein Buch zusammengestellt, das für einen bewussten Sprachgebrauch sensibilisieren soll.

Das „braune Süppchen“ etwa, der Eintopf: Er verdankt seine Popularität den so genannten „Eintopfsonntagen“, die seit 1933 von den Nationalsozialisten propagiert wurden. Dabei ging es darum, am ersten oder zweiten Sonntag der Monate März bis Oktober in allen deutschen Haushalten nur ein einfaches, in einem Topf gekochtes Gericht zu essen statt des üblichen Sonntagsbratens. Das gesparte Geld sollte dem Winterhilfswerk gespendet werden; seit 1936 die Pflicht jedes Deutschen.

Heine kommt zu dem Schluss, dass das so harmlos wirkende Wort vor der NS-Zeit fast unbekannt war. Die in einem Topf gekochten Gerichte gab es zwar, aber sie hatten ihren jeweiligen regionalen Namen. Unbedenklich sei der heutige Gebrauch des Wörtchens aber trotz der eindeutigen NS-Vergangenheit, so Heine: Schließlich sei es keine „Verhüllungs- oder Vorbereitungsvokabel für Mord, Folter und Vernichtung“ gewesen.

Weitgehend unbekannt ist auch, dass das Alphabet, genauer: die amtliche Buchstabiertafel, in der Nazizeit „entjudet“ wurde: Man löschte biblische Namen. Das „D wie David“ mußte „Dora“ weichen, aus „Nathan“ wurde „Nordpol“, aus „Samuel“ wurde „Siegfried“. 1948 wurde die Buchstabiertafel, wenigstens teilweise, wiederum entnazifiziert und unter anderem „Siegfried“ wieder durch „Samuel“ ersetzt. Dennoch buchstabieren bis heute zahlreiche Menschen das „S“ mit dem Vornamen des Nibelungenhelden. So zeigten die zwölf Jahre „auch heute noch Wirkung“, so Heine, wenn auch unbewusst: „Wer Siegfried sagt, wird dadurch nicht zum Nazi.“

Die Verwendung anderer Wörter lehnt der Autor dagegen für den heutigen Sprachgebrauch ab – wie etwa das für die NS-Zeit typische „zersetzen“. Dies sei „nicht mehr unbefangen als Metapher für gesellschaftliche Prozesse zu verwenden“, weil es geholfen habe, „den Massenmord an den europäischen Juden“ vorzubereiten. Auch vom Gebrauch der Redewendung „bis zur Vergasung“, wenn man eine Tätigkeit bis zum Überdruss betrieben hat, rät Heine ab: Bis in die Dreißigerjahre lasse sich die Redewendung zwar ausschließlich im Zusammenhang mit chemischen Prozessen nachweisen und werde insofern zu Unrecht der Naziherkunft verdächtigt. Aber: Man sollte „die Redensart wegen des für viele Menschen schockierenden Tons nur vorsichtig nutzen“. In schriftlichen Texten sei sie „fast immer fehl am Platz“.

Überdies macht Heine gewisse Grundtendenzen beim NS-Vokabular aus. Neben Formulierungen aus dem Sport, um etwa den Kampfgeist anzuheizen, sei vor allem die Anleihe bei der Religion offensichtlich: „Religiöse Begriffe gehörten zum Grundwortschatz des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs“, sagt Heine. Das war 1937 schon so auffällig, dass Papst Pius XI. in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ die deutschen Gläubigen warnte: „Ein besonders wachsames Auge, Ehrwürdige Brüder, werdet Ihr haben müssen, wenn religiöse Grundbegriffe ihres Wesensinhaltes beraubt und in einem profanen Sinne umgedeutet werden.“ Das traurigste Beispiel ist die Umdeutung des Wortes Glaube. Besonders in der Wendung fanatischer Glaube – an Hitler, an den Sieg – wurde dieser ursprünglich für die Metaphysik reservierte Begriff ein Schlüsselbegriff der NS-Rhetorik.

Matthias Heine: Verbrannte Wörter. Duden Verlag, 224 Seiten, 18 Euro.