Bruce Springsteen Western Stars CD

Musik : Bruce Springsteens neues Album: Der Boss wird sentimental

Wenn er richtig zornig ist, kann er ein ganz schön harter Hund sein; man erinnere sich nur an „Wrecking Ball“ aus dem Jahr 2012. Da ging es gut zur Sache, Bruce Springsteen verstand die Platte als Abrissbirne für jene Existenzen, die seinen Landsleuten die Banken- und Finanzkrise eingebrockt hatten.

Seither musste er sich oft ärgern, Stichwort Donald Trump, den kann Springsteen nicht ausstehen. Statt nun aber die Gitarren unter Strom zu setzen und gegen den Präsidenten zu Felde ziehen zu lassen, gibt sich der 69-Jährige der Wehmut hin. Bloß weit weg von Washington, Kraft tanken an der West Coast: Auf seinem neuen Album „Western Stars“ präsentiert sich Springsteen „in a sentimental mood“, wie man im Showbiz so sagt.

Vielleicht ist das die erste Instagram-Platte, die Springsteen aufgenommen hat, denn die Lieder klingen, als habe der Künstler einen Farbfilter über die Melodien gelegt. Er zeichnet Canyons und Deserts in Pastelltönen, er beginnt zumeist mit gezupfter Gitarre, und allmählich schwingen sich die Streicher auf und tragen die Songs fort. Ja, vielleicht ist „Western Stars“ sogar die erste Platte vom Boss, die nach Sonnencreme duftet: „Willst Du nicht bleiben, Sonnenschein?“, singt er gegen Ende, und das ist zwar etwas kitschig, aber auch total schön.

Das Cover des neuen Springsteen- Albums „Western Stars“. Foto: dpa/Kalle Gustafsson

Ein Solo-Album nennt Spring­steen seine neue Veröffentlichung, wobei er damit wohl vor allem klarstellen möchte, dass seine E-Street-Band nicht dabei ist. Dennoch standen mehr als 20 Musiker mit ihm im Studio, aber sie rocken halt nicht, sondern schmeicheln. Die Arrangements muten cineastisch an, ein Hauch von altem Hollywood durchweht die Aufnahmen. Man denkt an Harry Nilsson, bei „Sundown“ grüßen von Ferne die Beach Boys, und einmal meint man gar, eine Verbeugung vor dem jüngst gestorbenen Scott Walker zu hören.

Springsteen singt nicht über die große Politik, er geht lieber zu den Leuten; er fährt durch kleine Städte, und womöglich liegt auf seinem Beifahrersitz eine Ausgabe der „Grashalme“ von Walt Whitman. „Ich singe das Selbst, den Einzelmenschen / doch spreche das Wort ‚demokratisch‘ aus“, so beginnt das Gedicht-Epos, das als das „essential american book“ gilt. Whitman sang den modernen Menschen, und das tut Springsteen auch, in jedem Song erzählt er von einem anderen Zeitgenossen. Von dem früheren Cowboy-Darsteller etwa, dessen Karrierehöhepunkt es war, in einem Film von John Wayne erschossen zu werden. Nun sitzt er an der Theke und erzählt von früher: „Mit dieser Szene finanzierte ich 1000 Drinks.“ Oder der arme Kerl, der am Bahnhof hockt und auf den 17.15-Uhr-Zug wartet, in der Hoffnung, dass endlich die Frau aussteigt, die er so lange schon anhimmelt.

Die „Western Stars“ des Titels, das sind die Einwohner der USA. Jeder ein Grashalm, jeder ein Wunder, und zusammengenommen ergeben sie das andere, das gute Amerika. So ist der Boss gerade drauf, so sentimental, und man folgt ihm gerne in diese Stimmung. „Keep me in your heart“, singt er.

Aber sicher, Mann!

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