Bonns Bundeskunsthalle versucht Goethe für die Gegenwart neu zu entdecken

Ausstellung : Goethe, aufs Sofa gefläzt

Die Bonner Bundeskunsthalle will mit der ersten Ausstellung seit 25 Jahren den Dichterfürsten von seinem Denkmal holen.

Als 1821 seine Geburtsstadt Frankfurt darüber diskutierte, ihm ein Denkmal zu errichten, lehnte Goethe selbst rigoros ab und äußerte „von der sittlichen Seite“ Bedenken, da ein solches Monument „das Maaß . . . der Ehre“ überschreite, „die man einem Einzelnen erweisen“ dürfe. Stattdessen plädierte er dafür, lediglich eine Büste von sich im neuen Bibliotheksgebäude aufstellen zu lassen. Prompt erhielt der Bildhauer Christian Daniel Rauch den Auftrag. Ausgeführt aber wurde keines seiner vier Modelle. Erst als zu Goethes 100. Geburtstag in Weimar ein Doppeldenkmal mit Schiller errichtet werden sollte, kamen Rauchs Entwürfe wieder ins Spiel. Der Bildhauer hatte beide in eine Toga gehüllt, wie antike Helden. Das aber passte König Ludwig I. von Bayern als Geldgeber so gar nicht, weshalb Ernst Rietschel den Auftrag erhielt für das dann auch wirklich realisierte Figurenpaar vor dem Theater, das die beiden in der Kleidung ihrer Zeit zeigt.

Immer wieder wurde Goethe verklärt. Er steht für das humanistische deutsche Erbe, an das viele nach dem Zweiten Weltkrieg anknüpfen wollten, auch, wenn Germanisten wie Richard Alewyn das kritisierten: „Zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald.“ Weil aber jede Zeit ihren eigenen Goethe hat, widmet die Bundeskunsthalle in Bonn dem bekanntesten deutschen Dichter jetzt eine Ausstellung, in dem sie ihn von seinem Denkmal holt und neu für die Gegenwart entdecken will. Ist es doch 25 Jahre her, seit ihm zuletzt in Frankfurt am Main und Weimar mit „Goethe und die Kunst“ eine große Schau gewidmet war. Mit 250 Leihgaben will die Bonner Ausstellung Goethe aus einem epochengeschichtlich herausgelösten Kontext zeigen. Das gelingt. Auch, wenn sie für Kenner nicht viel Neues zu Tage fördert, sondern back to the basics geht. Aber vielleicht ist das ja gerade das „Zeitgemäße“ im Internetzeitalter, das zwar so viele Möglichkeiten bieten würde, durch Algorithmen und Filterblasen aber eher zu einer Verengung des Blicks führt.

Das Goethe-Bild auf den Kopf stellt die Ausstellung auf jeden Fall nicht, wie es im ersten Raum vielleicht die Installation der 1961 in Herford geborenen Künstlerin Asta Gröting nahelegen mag, die einen Gipsabguss von Goethes Reisekutsche gefertigt hat und ihn verkehrt zeigt. Von der zentralen Rotunde ab gehen die vom Stuttgarter Büro Space4 farblich abgesetzten Kabinette, die sich den neun Kapiteln der Ausstellung widmen. Viele Wege führen zum Universalgenie Goethe, das in Kunst und Wissenschaft gleichermaßen zu reüssieren wusste. Kupferstiche von Rom und ein alter Globus evozieren die Atmosphäre seines Geburtshauses in Frankfurt Am Großen Hirschgraben, das 1944 zerstört und 1947 originalgetreu wiederaufgebaut wurde. Meißner Porzellan mit Motiven aus dem Werther verdeutlichen den Kult, der im Sturm und Drang um den Roman betrieben wurde. Vom Theologischen Institut in Leipzig war das Buch sogar eine Zeit lang verboten, weil es eine regelrechte Selbstmordwelle ausgelöst haben soll. Eine Kopie von Jacques-Louis Davids bekanntem Napoleon-Porträt steht für Goethes anfängliche Verehrung des Franzosen, weil er in ihm einen Bezwinger des blutrünstigen Revolutionschaos sah. Dem Revolutions-Klassizismus in Frankreich setzte Goethe den bei seiner „Italienischen Reise“ 1786/87 an der Kunst geschulten Weimarer Klassizismus entgegen. Zwei drollige Zeichnungen von Tischbein zeigen, wie entspannt der seinen Ämtern und Pflichten entflohene Dichter sich in Rom gab. Das eine Blatt zeigt Goethe kippelnd wie ein Kind auf einem Stuhl. Das andere, wie er auf ein Kanapee gefläzt mit dem Maler Tischbein gemeinsam flaxt. Man hört beide förmlich lachen. Ein Brief des älteren Herder kommentiert dieses Dolce Vita: „Goethe spricht über Rom, wie ein Kind, und hat auch, wie ein Kind, freilich mit aller Eigenheit, hier gelebet; deshalb ers denn auch so sehr preiset.“

Zurück in Weimar holt der Alltag ihn schnell ein. Die Staatsgeschäfte für Herzog Carl August. Die Streitereien mit Romantikern wie Friedrich Schlegel, der in Goethes Weimarer Klassizismus „den prosaischen Nebel antikischer Nachahmerei und ungesunden Kunstgeschwätzes“ sah. Wie das bei den kulturgeschichtlichen Ausstellungen in Bonn Tradition ist, kommen auch moderne Künstler zu Wort. Gemälde von Piet Mondrian, André Masson und Paul Klee zeugen von einer Auseinandersetzung mit Goethes 1810 erschienen Farbenlehre, auf die seine Zeitgenossen Lichtenberg und Humboldt nur mit höflichem Desinteresse reagierten. Kalligraphien von Axel Malik antworten auf Goethes 1816 während der Arbeit am „West-Ostlichen Divan“ entstandene arabische Schreibübungen. Und die Bühnenbilder der Faust-Inszenierungen von Max Reinhardt (1909) und Frank Castorf (2017) zeigen, wie aktuell die Tragödie bis in die Gegenwart hinein ist.

Mit Goethes Haus am Frauenplan, das nach dem Tod des letzten Enkels Walther 1855 zum Gedenkort wurde, klingt die Ausstellung schließlich aus. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus schwer beschädigt. Das Inventar und Goethes Sammlungen hatten die Nazis schon evakuiert. Häftlinge aus dem benachbarten Konzentrationslager Buchenwald mussten die Holzkisten für den Transport zimmern. Auch sie zählen, wie Goethe, zur deutschen Geschichte.

„Goethe als Dichter und Künstler vor dem Vesuv”, 1826 entstandenes Gemälde von Heinrich Christoph Kolbe. Foto: Universität Jena/Jan-Peter Kasper

Bis 15. September. Di, Mi: 10-21 Uhr, Do-So: 10-19 Uhr