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Bewegende Geschichte über Kinder ohne Heimat

Bewegende Geschichte über Kinder ohne Heimat

Michael Kohlmeiers neues Buch „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ thematisiert das Schicksal minderjähriger Flüchtlinge. Der Autor nimmt eine kindliche Perspektive ein, die es ihm erleichtert, unbefangen auf die Welt zu schauen.

Mehr als zehntausend Flüchtlingskinder sind in den vergangenen 24 Monaten in Europa spurlos verschwunden. Das meldete die europäische Polizeibehörde Europol und warnt davor, dass die Kinder Opfer von Gewalt werden könnten.

Als Michael Köhlmeier (Jahrgang 1949) "Das Mädchen mit dem Fingerhut" schrieb, konnte er von der Europol-Meldung nichts ahnen. Das macht sein Buch so zeitlos: Ließe sich der Text, der in irgendeinem europäischen Land, in einer unbestimmten Zeit angesiedelt ist, ohne die gegenwärtigen Ereignisse im Hinterkopf doch auch wie ein modernes Märchen lesen. Ein trauriges Märchen wohlgemerkt.

Jeden Morgen schickt der Onkel das kleine Mädchen in Bogdans Laden. Dort werde sie etwas zu essen bekommen, sagt er ihr. Nach Geschäftsschluss holt er sie auf dem Markt wieder ab. Eines Abends aber ist der Onkel nicht an der verabredeten Stelle. Das Mädchen sucht ihn. Ohne Erfolg. In der Nacht schläft es in einem Müllcontainer. Am Tag bettelt es. Bis die Polizei das Kind aufgreift. Doch die Beamten kriegen nichts aus ihm heraus. Das Mädchen versteht die Sprache nicht, weiß nicht mal seinen Namen. Weil sie einmal "Yiza" sagt, heißt sie von nun an so.

Sie kommt in ein Kinderheim. Dort meint man es gut mit ihr. Weil der 14-jährige Schamhan aber ihre Sprache spricht, lässt sich Yiza überreden, mit ihm und einem anderen Jungen namens Arian nachts aus dem Heim zu fliehen. In einem leer stehenden Ferienhaus wollen die drei Schutz suchen. Bis sie das erreicht haben, stehlen sie ihr Essen, schlafen im Wald. Als Yiza sich wehtut, gibt Arian ihr einen Fingerhut und stülpt ihn als Schutz fürsorglich über den verletzten Finger. Jeder ist für jeden da. Bis die Polizei die Spuren der drei im Schnee verfolgt. . .

Ohne als Erzähler Partei zu ergreifen oder moralisch eine Haltung zu beziehen, folgt Köhlmeier den Kindern, die es nur so lange leicht haben, wie sie klein und niedlich sind. Haben sie ein gewisses Alter überschritten, wird ihnen nichts mehr geschenkt. Wen wundert es, wenn sie auf die schiefe Bahn geraten?

Wie ansatzweise schon in "Die Abenteuer des Joel Spazierer" (2013) und "Madalyn" (2010) nimmt Köhlmeier eine kindliche Perspektive ein, die es ihm erleichtert, unbefangen auf die Welt zu schauen. Auch "Das Mädchen mit dem Fingerhut" würde mit seiner einfachen Sprache als Jugendbuch taugen. Es lässt sich mit dem letzten Roman "Zwei Herren am Strand" (2014) nicht vergleichen, in dem Köhlmeier famos über den "Selbstmord-Bund" Charlie Chaplins mit Winston Churchill geschrieben. Das neue Buch ist nicht nicht Köhlmeiers bestes. In einer Zeit der brennenden Flüchtlingsunterkünfte und tobenden Pegida-Demonstrationen aber kommt es gerade recht.

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Hanser Verlag, 144 Seiten, 18,90 Euro.