Bestsellerautor Salman Rushdie hat einen neuen Roman geschrieben.

Interview Salman Rushdie : „Vielen Menschen ist die Welt fremd geworden“

Der Bestsellerautor hat einen neuen Roman geschrieben. Sein Held ist diesmal kein Geringerer als Don Quichotte.

Dieser Roman scheint die halbe Welt verschluckt zu haben: „Quichotte“, in dem Salman Rushdie die Cervantes-Figur neu entwirft, in Liebe zu einer Talkshow-Königin entflammen und abenteuerlich quer durchs Amerika unserer Tage reisen lässt.

Wenn sich ein Autor einer Figur wie Don Quichotte widmet, klingt das nach einem großen Vorhaben.

RUSHDIE Na ja, es fühlt sich für mich wie ein wichtiges Buch an, wie ein Werk, in dem Vieles eingeflossen ist. Wobei ich an dem Roman nur zwei Jahre geschrieben habe. Einiges aber gab es schon früher.

Was war das?

RUSHDIE Das war die Opioid-Krise, der Skandal um die süchtig machenden Schmerzmittel. Und dazu gehört für mich eine familiäre Tragödie: Meine Schwester ist vor zwölf Jahren gestorben; sie war erst 45 Jahre alt. Als wir ihren Tod zu verstehen versuchten, fanden wir heraus, dass sie abhängig von Schmerzmitteln gewesen war, ihr Badezimmer war eine regelrechte Apotheke.

Wann und wie sind Sie dann auf Don Quichotte gestoßen?

RUSHDIE Das war vor vier Jahren. Damals feierte die Welt den 400. Geburtstag von Cervantes. Und ich wurde gebeten, eine Kurzgeschichte über ihn zu schreiben.

Das war Ihr erster Kontakt mit Don Quichotte?

RUSHDIE Zumindest nach einer langen Zeit. Ich hatte Don Quichotte als Student gelesen.

Ich auch. Und so bedeutend das Buch auch ist, so langatmig kamen mir die mehr als 1200 Seiten vor.

RUSHDIE Ja, das ist es wirklich. Bei mir war es noch schlimmer, denn zu meiner Studienzeit Mitte der 1960er Jahre war die einzige englische Übersetzung furchterregend. Und wahrscheinlich bin ich auch deshalb lange nicht mehr zu diesem Buch zurückgekehrt. Aber in der Zwischenzeit ist eine brillante Übersetzung von Edith Grossman erschienen. Der Roman wurde dadurch plötzlich sehr zeitgemäß, spannend, lebendig. Das war 2014. Zu der Zeit schrieb ich „Golden House“, ein Buch, das in New York spielt. Mit dem nächsten Roman aber wollte ich raus aufs Land.

Und dann mit Don Quichotte . . .

RUSHDIE Eigentlich mit diesen beiden unglaublichen Männern, Don Quichotte und Sancho Panza, also mit diesem alten Mann und seinem Kopf in den Wolken, und seinem Kumpel, mit beiden Füßen auf den Boden stehend. Das schien mir eine gute Kombination zu sein, auf Amerika zu blicken. Und wie das so ist: Meine Charaktere entwickelten schnell ein Eigenleben, sie emanzipierten sich von den Vorlagen und wollten keine Imitationen sein. Mein Sancho ist ein Teenager, er ähnelt mehr Pinocchio als Sancho. Und Don Quichotte wird von Cervantes als trauriger Mann beschrieben. Meiner ist permanent froh, gutgelaunt, optimistisch.

Mussten Sie 72 Jahre alt werden, um den Roman schreiben zu können?

RUSHDIE Ja, das ist nicht das Buch eines jungen Mannes – im Gegensatz zu „Mitternachtskinder“. Als ich diesen Roman beendete, war ich 35. Zu Quichotte war offenbar viel Schreib- und Lebenserfahrung nötig. Schließlich geht es auch ums Sterben. Wenn man 35 ist, denkt man nicht darüber nach; man hält sich für unsterblich. Erst später merkt man, dass das irgendwie nicht stimmen kann.

Wofür kann Don Quichotte in unserer Zeit stehen?

RUSHDIE Bei Cervantes erfährt Don Quichotte in vielen Erzählungen etwas über andere Kulturen. Und da habe ich mich gefragt, wie es heute ist – mit dem Fernsehen, unseren Rechnern und Mobiltelefonen. Für Besucher eines Popkonzerts wird die Musik erst zum Erlebnis, wenn sie es aufnehmen können. Ich möchte gerne zeigen, was dies mit unserer Kultur macht. Die andere Sache ist: Der echte Don Quichotte versucht in einer amoralischen Zeit gut und gerecht zu sein. Er verkörpert ein ethisches Prinzip. Mein Quichotte muss in einer korrupten Welt erfahren, dass er etwas Verbotenes tun muss, um seine große Liebe zu erobern. Er stürzt in einen großen moralischen Konflikt.

Cervantes schrieb den Roman an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Stehen wir an einer vergleichbaren Epochengrenze?

RUSHDIE Das ist wichtig. Und das ist ja auch das Große an Cervantes: Er schreibt seinen Roman zu einer Zeit, in der sich alles wandelt. Auch bei uns ändert sich durch die Technik gerade alles – selbst unsere Sprache. Alles wird komprimiert, es herrscht nur noch eine Art Slang. Das ist eine spannende, aber auch beunruhigende Zeit; viele fürchten sich, weil ihnen die Welt plötzlich fremd wird. Die Realität bröckelt.

Gehört dazu auch der neue Rassismus, der im Roman ebenfalls eine Rolle spielt.

RUSHDIE Rassismus ist Alltag in Amerika! Das sagt Ihnen jeder, der in den Vereinigten Staaten zu einer Minderheit zählt. Mich interessiert der Rassismus gegenüber Indern in den Vereinigten Staaten. Ich lebe seit 20 Jahren in Amerika. Und ich erinnere mich, als ich dort ankam, dass mir indische Freunde sagten, dass der Rassismus ihnen gegenüber in Großbritannien viel bedrohlicher sei. Das änderte sich schlagartig mit dem Terrorakt von Nine Eleven. Viele interessierten sich gar nicht mehr für Unterschiede etwa zwischen einem Muslim und einem Hindu. Es reicht völlig, dass man eine dunklere Hautfarbe hat. Ich wollte nicht über Rassismus schreiben; doch ich habe gemerkt, dass ich es nicht einfach weglassen kann.

Wie hat sich das Land unter Donald Trump gewandelt?

RUSHDIE Na ja, es haben sich Teile gewandelt. Und diese Veränderungen in ein chaotisches, mitunter undemokratisches Gebaren gibt es nicht erst seit Trump und nicht allein in Amerika. Aber es ist mit ihm an die Oberfläche gekommen.

Wissen Romane mehr als wir?

RUSHDIE Ein Beispiel: Als ich „Golden House“ schrieb, war ich fest davon überzeugt, dass Trump die damals anstehende Wahl nicht gewinnen würde. Ich wollte den Zeitungen mit ihren Prognosen glauben. Mein Roman aber wusste, was passierte, und bestand darauf, in diese Richtung geschrieben zu werden. Keine Frage: Romane sind stets schlauer als wir und als deren Schöpfer. Und wie es mit Quichotte sein wird? Mal sehen. Schreiben ist eine Expedition mit ungewissem Ausgang. Als junger Autor brauchte ich einen genauen Plan für jedes Buch; jetzt interessiere ich mich mehr dafür, was Satz für Satz mit der Geschichte passiert.

Würden Sie sich – Don Quichotte ähnlich – als Schelm bezeichnen?

RUSHDIE Ich? Nein, ich führe ein ganz normales Leben. Aber ich glaube, dass der Schelm für unsere Zeit typisch ist: Er kann sich permanent wandeln.