Begegnung mit Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu, der in Saarbrücken liest.

Goncourt-Preisträger : Die blauen Flecken auf der Seele

Begegnung mit dem in Nancy lebenden Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu, der nächste Woche in Saarbrücken liest.

Nicolas Mathieu sagt, seit er denken kann, höre er das Wort „Krise“. 1978 wurde er in der Vogesenstadt Épinal geboren, im November erhielt er für seinen zweiten Roman „Leurs enfants après eux“ den „Prix Goncourt“, Frankreichs wichtigsten und prestigeträchtigsten Literaturpreis. Mathieu lebt in Nancy, ist gerade umgezogen, die Kartons sind noch nicht ausgepackt. In den 90er Jahren war er jung und wie vielerorts junge Menschen bekam er mit, dass Aufstiegsversprechen nicht mehr galten, dass mit dem Niedergang großer Industriezweige auch die Arbeiterklasse verschwand, die Identität als Rückgrat der Gesellschaft. Der Mythos von Feuer und Stahl verkam zur Nostalgie. „In jedem versifften Kaff hört die Jugend ,Nirvana’, die Band aus der gleichfalls vor sich hinrostenden Stadt Seattle trifft den Nerv der Zeit, indem sie ihren Weltschmerz in Wut, ihren Frust in Dezibel verwandelt“, heißt es in Mathieus Roman.

Er spielt in der fiktiven Stadt Heillange, die leicht als die lothringische  Stahlstadt Hayange zu erkennen ist. Ein Tal, eine Stadt, ein See, vier Sommer, viele Menschen. Der Roman setzt 1992 ein. Anthony, die Hauptfigur, ist 14 Jahre alt. Und weil im Sommer alle irgendwie unterwegs sind, See und Badekleidung die Standesunterschiede verwischen, begegnet er Stéphanie. Er ist das Arbeiterkind, dessen Eltern mit Eigeninitiative dem Niedergang trotzen, sie die Tochter eines arrivierten Autohändlers mit Villa und bald auch einem Swimming Pool. Er hat letztlich keine Chance bei ihr; „Stéph“ wiederum erliegt der Illusion, von Simon, dem Spross einer weit verzweigten Familie, die überall in Frankreich hohe Beamtenposten oder ähnliche Stellungen innehat, als „offizielle Freundin“ wahrgenommen zu werden. Die Romanfiguren erkennen ihresgleichen oder eben nicht ihresgleichen an Kleinigkeiten, den Schuhen, der Art zu gehen oder daran, dass sie ihre Spaghetti kleinschneiden.

In der noch kurzen Rezeptionsgeschichte seines Romans seit Herbst 2018, erzählt Mathieu, begegne er immer wieder der Auffassung, dieser handle von arbeitslosen Alkoholikern in einer demoralisierten, heruntergekommenen Schmutzwelt. Das ist wohl ein bisschen der Blick von Paris auf Restfrankreich, auf die Provinz – hier den finsteren Osten, der immerhin noch eine Art Gruseleffekt vorhält. Tatsächlich aber wird das dem Roman nicht gerecht. Mathieu entwirft vielmehr ein sehr fein gezeichnetes gesellschaftliches Panorama, in dem alle Platz finden – die im Ausleseverfahren gewonnene Elite, die alles richtig gemacht hat, der abstiegsbedrohte Mittelstand und schließlich Menschen, die so sehr am Rande der Gesellschaft leben, dass man sie sich nur ganz selten in irgendwelchen Ecken herumdrücken sieht.

Ja, es wird viel getrunken in „Les enfants après eux“, aber auch immer noch viel gearbeitet. Mathieu erzählt, wie die Menschen aussehen und was sie tun, er lässt sie sprechen. „Stéph“ mustert mit schief gelegtem Kopf die Videosammlung bei dem einen „Asi“, in dessen Zimmer sie unfreiwillig gestrandet ist, und zieht die Brauen hoch. Da beide Typen, der „cousin“ mit dem Zimmer und Anthony, unterhalb ihrer Wahrnehmungsschwelle liegen, achtet sie nicht auf ihre Außenwirkung. Anthony, der beklommen und gedemütigt dabei steht, sieht die kleinen Schweißperlen auf ihrer Haut, die Impfnarbe, das Kindliche, er findet sie nachlässig, schwerfällig, und dabei wahnsinnig anziehend – „Typ sich nach dem Essen die Finger ablecken“. Er ist bezaubert. Kleine Szene, große Erotik. Und so wie Flaubert eine Fliege an der Scheibe genügt, um die Welt von Emma Bovary zu zeigen, ist Nicolas Mathieu keine Geste zu gering, um eine bestimmte Atmosphäre plastisch werden zu lassen, und sei es nur, dass „Tabakkrümel von der Zungenspitze zupfen“.

Der Autor sieht sich durchaus in der Erzähltradition von Balzac und Flaubert wie auch – neueren Datums –  in der des „roman noir.“ Seite für Seite nennt Mathieu in gelassenem, wie natürlich fließendem Erzählstrom die Dinge beim Namen, er lässt nichts aus, formuliert präzise. Zu demaskieren sei Aufgabe von Literatur, meint er. In seinem Roman verspricht der Bürgermeister am 14.Juli 1996, dem Nationalfeiertag, ohne rot zu werden, eine Regatta an den See zu holen, nennt „Heillange“ in einem Atemzug mit Lugano, Annecy und dem Comer See. Das Publikum wendet sich den Getränken zu. Diese Szene habe er Flauberts berühmter Jahresversammlung der Landwirte nachempfunden, erzählt Mathieu.

 Immer wieder geht es in seinem Buch um Kräfteverhältnisse, oft hält einer den anderen irgendwie in Schach. Pierre Bourdieu steht Pate mit der Lehre vom „Habitus“, der zufolge – mehr als berufliches Vorankommen und Gehalt – von Außenstehenden kaum erlernbare Codes, jene leicht zu dechriffrierenden Äußerlichkeiten und Verhaltensweisen, soziale Zugehörigkeit markieren. „Mein Thema ist die Welt der Arbeit, diese Welt möchte ich festhalten, die Zusammenhänge von Gesellschaft und Privatleben. Wie weit das Arbeitsleben uns bestimmt. Ich will Soziologie im Roman abbilden“, sagt Mathieu.

Er selbst ist kein Arbeiterkind; seine Herkunft ist kleinbürgerlich, die Liebe zur Literatur erwachte schon in der Kindheit. In der Schule fielen seine guten Aufsätze auf. Er las, ging in die Bibliothek, seine Mutter kaufte ihm „Je bouqine“, ein Magazin für junge Leseratten. Nicolas Mathieu hat sich viel damit befasst, wie man etwas wird, und eine Studie über Wege ins hohe Beamtentum unternommen. Seine Figur „Stéph“ kriegt irgendwann die Kurve und findet dank harter Arbeit den Weg ins Elite-Bildungssystem und vor allem raus aus dem öden Tal. Anthony habe von ihm „den Wunsch abzuhauen, den verletzten Stolz, die blauen Flecken auf der Seele“, sagt der Autor über seine Hauptfigur.

Der Titel des Buches „Leurs enfants après eux“ ist ein Zitat aus der jüdischen Weisheitsliteratur, aus dem Buch Jesus Sirach: „Andere blieben ohne Nachruhm; / sie sind erloschen, sobald sie starben. Sie sind, als wären sie nie gewesen, / und ebenso auch ihre Kinder.“

Nicolas Mathieu spricht von „vies minuscules“, das ist auch der Titel eines Buches von Pierre Michon aus dem Jahre 1984. „Winzige Leben“ klingt im Deutschen etwas lächerlich; was Nicolas Mathieu meint, ist, dass die etwas verwaisten Leben während der „Krise“ und Übergangszeit zwar im Hintergrund bleiben und vermutlich keinen Platz im Geschichtsbuch finden werden, aber an ihrer Stelle genauso viel Bedeutung haben, wie alle anderen auch. Sein Buch ist keine Grabrede. Die letzten Kapitel des Romans, die im Jahr 1998 spielen, tragen als Motto den Gloria-Gaynor-Hit von 1978 ( zufällig auch das Geburtsjahr des Autors) „I will survive“.

 „Leurs enfants après eux“ wird im September bei Hanser in deutscher Übersetzung erscheinen. Und wenn der ganze Rummel um den Prix Goncourt sich gelegt hat, will Nicolas Mathieu sich wieder ins Schreiben vertiefen. Es gebe, sagt er, noch einiges von Anthonys Mutter zu erzählen.

Am kommenden Dienstag stellt Nicolas Mathieu seinen Roman um 19 Uhr im Saarbrücker Institut Français (Villa Europa, Kohlweg 7) vor.

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