Autor Knausgård präsentiert den Maler Munch

Kunst : Autor Knausgård präsentiert den Maler Munch

Der eine ist der wichtigste norwegische Schriftsteller, der andere der Wegbereiter der Kunst des 20. Jahrhunderts: In Düsseldorf hat Karl Ove Knausgård eine Schau mit Werken des weltberühmten Edvard Munch zusammengestellt.

Ein Kohlfeld. Blaugrüne, bewegte Köpfe, ein dramatischer Himmel: Es ist eines der Lieblingsbilder des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård von seinem Landsmann Edvard Munch: „Ist das ein Bild vom Tod, ist es Melancholie, ist es nichts weiter als die Landschaft hinter Munchs Haus? Man weiß es nicht genau“, sagt er beim Rundgang durch die vier Räume der Ausstellung „Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård“ im K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Er wolle mit seiner Zusammenstellung der Werke aus dem Munch-Museum in Oslo zeigen, was Munchs Kunst jenseits „ikonisch“ gewordener Bilder wie „Der Schrei“ bedeute. Die Schau ist seit Samstag zu sehen.

Knausgård gilt als der derzeit wichtigste norwegische Schriftsteller. Seine akribischen autobiografischen Romane erschienen in seiner Heimat als „Min Kamp“, deutsch: Mein Kampf. Er habe diesen Titel gewählt, weil er den Alltag als Kampf empfinde und die Worte wieder von Hitlers programmatischem Buch „Mein Kampf“ lösen wollte, sagt Knausgård. Auch wenn es in seinem Leben nur darum ginge, Kinder zu erziehen, gelegentliche Streitigkeiten in der Partnerschaft auszuhalten oder sich beim Kochen einen Finger zu verbrennen, so sei all das doch auch ein Kampf, den er in seinen Werken schildere.

Edvard Munch (1863-1944) gilt als Wegbereiter der Kunst des 20. Jahrhunderts. Er verbindet Landschaften, häusliche Szenen und lebensgroße Portraits immer mit eigener Anschauung, mit seinen Gefühlswelten. Sein Stil mit meist gebrochenen Farben und schwungvoller, zu Rundbögen neigender Linienführung ist unverkennbar. Er steht mit seinem Werk auch deshalb an der Schwelle zur Moderne, weil er, laut Museumsdirektorin Susanne Gaensheimer, erkannt hat, dass „die erzählende Malerei des 19. Jahrhunderts an ihr Ende gekommen ist“.

Knausgård berichtet, dass Munch von dieser Malerei und gerade auch von der an der Kunstakademie Düsseldorf etablierten Malerschule beeindruckt gewesen sei. „Aber er sucht keine Geschichten sondern den einen Moment, der sich in einem Bild verdichtet,“ sagt der Schriftsteller.

Monatelang habe Munch zum Beispiel an einem Bild gemalt, in dem er den Tod seiner Schwester darstellt: „Das kranke Mädchen“. Aber trotz dieser intensiven Arbeit in den Jahren 1885 und 1886 und obwohl das Bild berühmt werden sollte, sei er mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen, sagt Knausgård: „Er fand, er konnte den Moment des Todes nicht erfassen.“ Der Autor bewundert den Maler für seinen Mut diese Erkenntnis zu äußern und fügt hinzu: „Munch war so radikal. Er musste mit den Traditionen brechen.“

Munchs erste Ausstellung in Deutschland, 1892 in Berlin, sei denn auch ein Reinfall gewesen: Nach einer Woche wurde sie abgehängt. Die Bilder galten als „nicht ausstellbar“, berichtet die Düsseldorfer Kuratorin Anette Kruszynski. Knausgård gibt den in gelb, grau und grün gehaltenen Ausstellungsräumen Titel wie „Der Wald“, „Chaos und Ordnung“ oder „Die Anderen“. Das bezieht sich jeweils auf Themen, die Munch sein Arbeitsleben lang behandelt hat. Er hat etwa immer wieder Waldstücke gemalt. Den Blick jeweils auf den Boden gerichtet, auf die Stämme, nie in den Himmel. Es sind Lichtungen ohne Licht, aber mit bedrängender Dramatik.

Ein für Knausgård besonders erstaunliches – und bislang kaum öffentlich zugängliches Werk – zeigt ein Paar, eine Person, wohl ein Mann, kniend, eine Frau umarmt ihn, den leeren Blick auf die Betrachter gerichtet. Nur ein Sternenhimmel verbreitet eine gewisse Wärme und Geborgenheit. Die Frauenfigur erinnere, so Knausgard, an die viel berühmtere Figur in Munchs Bild „Der Schrei“. Dieser aber ist in Düsseldorf nicht zu sehen. Der Schriftsteller wählte vielmehr unbekanntere Bilder, um einen neuen Blick auf den Maler zu ermöglichen. Die bis zum 1. März 2020 laufende Ausstellung steht in Zusammenhang mit der Wahl Norwegens als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Eines der letzten Bilder von Munch, gemalt 1942, zwei Jahre vor seinem Tod zeigt einen Maler auf einer Leiter, der ein Haus anstreicht. Der Mann ist fast skizziert, sein Gesicht nicht ausgestaltet. „Der Maler malt einen Maler“, sagt Knausgård, „das ist Munch auch selbst: Er hat sein ganzes Leben lang nur gemalt, Tag für Tag, stundenlang. Er hatte keine Familie, nichts weiter. Malen war das einzige, was er gemacht hat.“

Kronprinzessin Mette-Marit und Kronprinz Haakon von Norwegen bei der Ausstellungseröffnung. Foto: dpa/Johannes Neudecker

Munch sei es darum gegangen „Farbe und Form auf eine Leinwand zu bringen“ und dabei starke Gefühle auszudrücken, sagt der Autor. Knausgård vergleicht den Maler darin mit dem russischen Schriftsteller Dostojewski. Beide bedeuteten ihm als Autor viel - und Munch habe bis kurz vor seinem Tod Dostojewski gelesen.