Musikfestspiele Saar: Auf einem Fluss aus expressiven Klängen

Musikfestspiele Saar : Auf einem Fluss aus expressiven Klängen

Eine musikalische Sternstunde: Das hinreißende Gastspiel der Shanghai Opera mit Verdis „Aida“ bei den Musikfestspielen Saar.

Aus dem Nichts heraus entfalten sich Klangflächen. Es flackert auf, Momenten äußerster Zartheit entwachsen ungeahnte Kräfte. Es flirrt und funkelt. Die Streicher tremolieren, die Pauken beben. In einem Fluss aus expressiven Klängen reißen die Musiker mit in einen Sog der Gefühle.

Vom ersten Ton an packt Dirigent Xu Zhong am Sonntagabend in der Saarbrücker Congresshalle das Publikum am Kragen und zieht es mitten hinein in die ganz große Oper. Würdevolle sakrale Sätze stehen geschmeidig italienischem Belcanto gegenüber. Orientalische Melodien vermengen sich mit lyrischen. Monumentale Weisen entfalten Macht und Triumph. Die musikalische Vielfalt in Giuseppe Verdis Spätwerk ist schier unermesslich. Die unglückliche Liebesgeschichte zwischen der äthiopischen Prinzessin Aida und dem ägyptischen Feldherrn Radames hat schon bei ihrer Uraufführung 1871 in Kairo begeistert.

Das Shanghai Opera House und das Suzhou Symphony Orchestra boten in der Congresshalle eine Aida, spannender als jeder James Bond und magischer als Zauberei. Da braucht es weder Elefanten noch Pyramiden – diese Aida war ganz großes Kino. Mit leisen Tönen, subtil und stimmungsvoll. Eine Sternstunde, für drei Stunden.

Das also ist der Sinn der Musikfestspiele Saar: Sie bringen Musiker ins Land, die uns glücklich machen. Die wir nicht hören könnten, gäbe es kein Festival wie dieses. Was extrem schade wäre. Selten sieht und hört man hierzulande Gesamtkunstwerke auf diesem Niveau. Als drehe er heimlich an den Pegeln und Rädchen eines Mischpults, um spontan die Lautstärke zu regulieren oder Spezialeffekte einzumischen, geht Xu Zhong, auch Hauptdirektor der Arena die Verona, seine Musiker an.

Der Dirigent entfacht eine unglaubliche Dynamik, im Orchester sowie im Chor. Ob im Fortissimo oder im Pianissimo, jedes noch so kleine Detail ist erkennbar und verschmilzt gleichzeitig im großen Klang – wie wunderbar. Die Solisten passen sich unisono makellos ein und stechen dennoch heraus. Dem Tenor Han Peng ist kaum anzusehen, was er empfindet. Man hat den Eindruck, er spare all seine Gefühle auf und stecke sie in Gänze in seine Stimme, mit der er den ägyptischen Feldherrn Radames auf die Bühne bringt. Frisch und geschmeidig schmettert er seine Töne souverän ins Publikum. Italienischer als ein Italiener. Grandios.

Voller Leuchtkraft steht Xu Xiaoying als Aida an seiner Seite. Kraftvoll und strahlend, klar und pur ist ihr Sopran, gleichzeitig warm und geschmeidig. Ihre Zerrissenheit zwischen der Liebe zum Vater
(land) und dem Geliebten gestaltet sie mit kraftvollen ungestümen Aufbäumen und artikuliert ohne Schnörkel. Gegenspielerin Amneris interpretiert ihr grenzenloses Leiden, ihre Demütigung, ihre Bitte um Vergebung eindringlich und aufreibend – ihr Mezzosopran ist empfindsam, er funkelt in der Höhe und berührt in der kernigen Tiefe. Mitreißend und expressiv sangen auch Yang Xiaoyong als Amonasro, Aidas Vater sowie Yu Yang als König von Ägypten und Deng Chao als Oberpriester Ramphis.

Ein wunderbares Erlebnis.

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