Ausstellung Auf den Spuren der Straßburger Seele

Straßburg · Das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst zeigt Malerei und Gravur aus den 1900er Jahren. Die Ausstellung ist auch aus historischer Perspektive interessant.

 Dieses Musikzimmer stellte Charles Spindler bei der Weltausstellung 1900 in Paris aus.

Dieses Musikzimmer stellte Charles Spindler bei der Weltausstellung 1900 in Paris aus.

Foto: Musées de la Ville de Strasbourg / Mathieu Bertola/Mathieu Bertola

Eine typisch französische Stadt ist Straßburg nicht. Deutsch ist sie aber auch nicht. Mit ihrer Identität hatte es Straßburg nicht immer leicht. Doch mittlerweile hat sich die Stadt mit ihrer Vergangenheit versöhnt. Seit kurzem fährt die S-Bahn bis ins deutsche Kehl, und seit Juli ist das wilhelminische Viertel „Neustadt“ sogar Weltkulturerbe.

Politisch schwierig, aber künstlerisch fruchtbar – so blickt Roland Recht auf die Geschichte der elsässischen Metropole um die Jahrhundertwende 1900 zurück. Der Kunsthistoriker hat zusammen mit Joëlle Pijaudier-Cabot, Leiterin der Museen der Stadt Straßburg, die kuratorische Leitung der neuen Ausstellung im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMCS). Unter dem Titel „Labor Europas, Straßburg 1880-1930“ geht der Besucher auf Spurensuche in der damaligen Hauptstadt des sogenannten Reichslandes Elsass-Lothringen.

Geprägt wurde diese Zeit durch die Weltausstellungen. Damals noch mehr als heute, nutzten die teilnehmenden Länder sie als Schaufenster für Innovationen und Prestigeprojekte. Häufige Aussteller für das Reichsland war der Künstler Charles Spindler. Durch seinen Aufenthalt als deutscher Stipendiat an mehreren deutschen Kunsthochschulen erlebte der Straßburger den neu entstehenden Jugendstil, der auch in seiner Heimat seine Werke beeinflusste. Ein prägendes Beispiel dafür ist Spindlers Musikzimmer aus Holz, das 1900 auf der Pariser Welt­ausstellung präsentiert wurde und Teil der Ausstellung im MAMCS ist.

Einen besonderen Platz dort nimmt auch die Rolle der Universität ein. Während dieser Zeit nutzte Deutschland auch die Hauptstadt des Reichslandes als Schaufenster seiner Universitätskultur. Im Gegensatz zum damaligen französischen zielt das deutsche Modell bereits zu dieser Zeit bewusst auf eine Verschmelzung von Forschung und Lehre ab. Die Universität soll zum Labor werden, in dem Wissen entsteht – egal ob in den Naturwissenschaften oder in der Kunst. So lässt die Ausstellung auch viel Raum für die Sammlungen der Universität. Diese bestehen unter anderem aus meterhohen Gipsabgüssen antiker Figuren, aber auch aus Glasmodellen für die biologische Lehre oder aus für die Zeit neuartigen seismologischen Geräten.

Ein weiterer Raum zeigt die Unterschiede zwischen den Nachbarn in der  Kunst. Während der Trend auf französischer Seite zum Impressionismus geht, stehen in Deutschland Gravur und grafische Kunst hoch im Kurs. In diesem Straßburg der zwei Gesichter haben alle ihren Platz. Neben vielen Werken, die aus eigenen Kollektionen und weiteren Museen stammen, haben die Ausstellungsmacher bewusst einen Schwerpunkt auf die Sammlungen von Mäzenen und Auftraggebern gelegt, die maßgeblich zur Verbreitung der Kunst beigetrugen. Hier wird es bunt und kubistisch: An den Wänden hängen Gemälde von Paul Klee, Otto Dix und Theo van Doesburg, aber auch ein Klavier von Auguste Herbin mit bunten geometrischen Motiven steht im Raum.

Zum Schluss gibt es einen Ausblick von der Moderne ins Avantgardistische und in die Architektur-Pläne für das Vergnügungszentrum Aubette. Im imposanten Gebäude, im 18. Jahrhundert als Wache für Soldaten errichtet, war bis 1870 die städtische Gemäldekollektion Straßburgs untergebracht. Nachdem die Aubette im deutsch-französischen Krieg zum großen Teil zerstört wurde, wurde sie Anfang des 20. Jahrhunderts zum Experimentierfeld für Künstler wie Jean-Arp und Sophie Taeuber-Arp.

In ein Museum, in dem sonst zeitgenössische Kunst zu Hause ist, zieht mit „Labor Europa“ eine stark geschichtliche Ausstellung ein. Über alle Räume verläuft am oberen Rand der hohen Wände ein Fries mit originalen Schwarz-Weiß-Fotos. So erscheinen die Ausstellungsflächen intimer, der Besucher taucht in ein vergangenes Zeitalter ein. Und wie die illustrierten Plakate für Bälle, Ausstellungen und Kabarette vermuten lassen: Egal ob auf Deutsch oder auf Französisch – diese Zeit war alles andere als langweilig.

„Labor Europas, Straßburg 1880-1930“ findet außer im MAMCS (1 Place Hans-Jean-Arp) auch im Museum für bildende Kunst (Rohan-Schloss), in der Galerie Heitz und im Zoologischen Museum. Die Schau ist dreisprachig (französisch, deutsch, englisch) angelegt.