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Neue Bücher: Auch Tote können manchmal enttäuschen

Neue Bücher : Auch Tote können manchmal enttäuschen

Robert Seethalers Totenreigen „Das Feld“ reicht nicht an seine vorangegangenen Bücher „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ heran.

„Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden“, heißt es zu Beginn des als Roman angekündigten neuen Buches von Robert Seethaler. Tatsächlich aber besteht es aus 29 literarischen Miniaturen: Seethaler gruppiert in „Das Feld“, womit der Friedhof gemeint ist, den sein Erzähler täglich aufsucht, um die Vitae der dort Liegenden zu erinnern, 29 Verstorbene einer fiktiven österreichischen Provinzstadt namens Paulstadt. Darunter ein Auto- und ein Blumenhändler, ein Gärtner, ein Herrenschneider, eine Lehrerin sowie der Pfarrer und der Bürgermeister. Manche Schilderungen ziehen sich über fast zehn Seiten, andere sind nur eine Seite lang.

„Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte“, sinniert Seethalers Erzähler eingangs. Und weckt damit Erwartungen, die sein Verblichenen-Reigen im Fortgang nicht einlöst. Eine zentrale Schwäche des Buchs: Tatsächlich simulieren nur einige der von Seethalers Friedhofsgänger imaginierten Totenerzählungen ein Zurückblicken vom jenseitigen Ufer. So sehr uns der Autor anfangs weismachen will, sein Sprachrohr sei „überzeugt davon, die Toten reden zu hören“, so wenig geht es in Wahrheit darum. Im Schlusskapitel wird die Eingangs­illusion wieder einkassiert. Der Erzähler, der erst nach seinem Tod einen Namen (Harry Stevens) erhält, bekennt darin: „Als Lebender über den Tod nachdenken. Als Toter vom Leben reden. Was soll das? Die einen verstehen vom anderen nichts. Es gibt Ahnungen. Und es gibt Erinnerungen. Beide können täuschen.“

Mit seinen Romanen „Der Trafikant“ (2012) und „Ein ganzes Leben“ (2014) hat Seethaler die Messlatte hochgelegt. Kritiker und Leser liebten seinen kargen, reduzierten Stil, weil er eine poetische Wahrheit einlöste, der man abnahm, dass sich dahinter viel Menschenkenntnis verbarg. Auch „Das Feld“ ist in diesem getragenen Ton gehalten, doch diesmal fehlt es dem jüngsten Werk des 51-jährigen Wieners an innerer Plausibilität. Aus zwei Gründen. Zum einen gibt Seethaler seinen Paulstädter Toten keine eigene Stimme. Die Lebensepisoden (bisweilen eher belanglos wirkende Schilderungen, dann wieder haben wir es mit markanten Ereignissen oder gar Vergegenwärtigungen des eigenen Sterbens zu tun) kommen fast alle im selben Tonfall daher.

Zum anderen entwickelt sich die substanzielle Schieflage zwischen den einzelnen Geschichten zu einer grundlegenden kompositorischen Malaise des Buchs. Einigen der unterschiedslos aneinandergereihten Lebensstimmen fehlt jedes existenzielle Gewicht, so banal plätschern sie dahin; andere wiederum ergreifen in ihrer bewundernswerten Verdichtung innerer Empfindungen und zeigen Seethalers großes Talent. Diese extreme Disparatheit (ermüdende Nichtigkeiten stehen gleichrangig neben erzählerischen Juwelen) raubt dem Buch seine innere Geschlossenheit. Gleiches gilt für die Erzählebenen der Miniaturen: Während Seethaler manche Figuren aus dem Jenseits sprechen lässt, belässt er es bei anderen bei scheinbar wahllos ausgewählten Alltagsimpressionen zu Lebzeiten. „Hier bei uns gibt es keine Zeit“, erfährt man etwa von Herrn Leydicke, der seinem Sohn Ratschläge erteilt, die er zu Lebzeiten zu geben verabsäumte („Mach dir keine Mühe, die richtige Frau zu finden. Es gibt sie nicht.“). Allzu selten aber entfaltet dieses vorgebliche Mehrwissen der Toten eine Art visionäre Kraft, die uns die unbekannten Grenzverläufe zwischen Leben und Tod antizipieren lassen könnte. Und wenn denn einmal einer dieser jenseitigen Lebensrückblicke hinüberzuführen scheint, quält die nächste Paulstädter Stimme wieder mit blasierten Bedeutungslosigkeiten (etwa die 67 kurz abgefertigten Männer im Leben der Heide Friedland). So liest man dieses Buch im Gefühl, dass für viele dieser Paulstädter ihr Leben, wie es von Martha Avenieu heißt, letztlich vor allem „ein merkwürdiges Missverständnis gewesen war“. Und, wie Susan Tessler es bilanziert, die Traurigkeit am Ende vielleicht „das Einzige (ist), was geblieben ist. Aber vielleicht ist das nicht das Schlechteste.“

Wenn Seethalers „Feld“ dennoch phasenweise berührt, dann auch deshalb, weil die Geschichten nach und nach immer mehr Querbezüge entfalten, sich gegenseitig erhellen und kommentieren und so zuletzt doch eine Art kleines Lebenspanorama aus diesem inkosistenten Figuren-Konglomerat entsteht.

Robert Seethaler: Das Feld. Hanser Berlin, 239 Seiten, 22 €.