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"Assassin's Creed: Valhalla" im Test

Serie Angespielt : Große Klappen, kleine Schiffe

„Valhalla“, der jüngste Spross der „Assassin’s Creed“-Serie, entführt die Spieler in eine fesselnde, gegenderte Wikinger-Welt

 Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein, heißt es. Es sei denn, sie sind Frauen. Dann geht’s auch ohne. Frauen auf Kaperfahrt? Ja, das gibt es. Jedenfalls in der Wikingerzeit, wie sie die Entwickler des jüngsten Sprosses von Ubisofts „Assassin‘s Creed“-Reihe entworfen haben. Hier dürfen Männlein und Weiblein Seite an Seite kämpfen, ist der dubiose Söldner eine Söldnerin, sind alle sexuellen Orientierungen okay, heiratet der sächsische Adelige die abgelegte Ehefrau eines Wikingerhäuptlings. Das ist nicht besonders realistisch, aber man gewöhnt sich daran.

Sollte man auch, denn schon die Hauptperson kann, je nach Vorliebe des Spielers, männlich oder weiblich sein. Wer aber, weil er das vom Vorgänger „Odyssey“ kennt, hofft, mit der Entscheidung pro Frau eine hübsche, gebildete, charmante und witzige Protagonistin wie Kassandra erleben zu können, wird mit der weiblichen Eivor erst einmal eine Enttäuschung erleben. Sie ist nicht weniger großmäulig und gewalttätig als die grölenden, saufenden männlichen Wikinger in ihrem Clan. Sobald sie das heimische Norwegen, das quasi als Tutorial-Region dient, verlassen hat und sich mit ihrem Rabenclan im Osten des frühmittelalterlichen England (im Spiel Englaland genannt) niederlässt, gewinnt Eivor, so heißt die Dame oder der Herr, deutlich an Kontur und Tiefe. Eine Kassandra wird sie jedoch – Setting-bedingt – nie.

Das ist nicht der einzige Unterschied zum Vorgänger. Ein weiterer ist der Abschied von den unzähligen Nebenmissionen. Es gibt natürlich eine Hauptstory und eine Handvoll Nebenaufgaben, die meist mit Eivors Dorf und seinen Bewohnern zusammenhängen. Die findet man auch im Questlog. Was man dort nicht findet, sind die kleineren Nebenmissionen, die in „Valhalla“ Weltereignisse heißen. Die erzählen kleine Geschichten unterschiedlicher Qualität und sind meist in ein paar Minuten erledigt. Aber nicht immer. Da hätte es schon geholfen, ihnen ein eigenes Untermenü im Questlog zu spendieren.

Das ist jetzt allerdings auf hohem Niveau gejammert, denn an Arbeit mangelt es Eivor in England wahrlich nicht: Vorangetrieben wird die Geschichte vom Plan der Norweger, sich in England Verbündete zu suchen. Das geht Region für Region und braucht jedes Mal ein paar Spielstunden. Hinzu kommt der Ausbau der Wikinger-Siedlung. Für den wiederum sind bestimmte Ressourcen vonnöten, die am einfachsten bei Raubzügen gegen Klöster zu bekommen sind. Bei diesen Angriffen geben sich Eivor und die Wikinger überraschend nobel und verschonen die Mönche und andere Zivilisten.

Die Soldaten, über die jedes Kloster verfügt, sind da eine ganz andere Nummer. Mit denen liefern sich die Angreifer wilde Zweikämpfe, bei denen auch schon einmal Köpfe und Arme durch die Gegend fliegen. Generell sind diese Auseinandersetzungen ausgezeichnet choreographiert und machen dank der im Grunde simplen Steuerung und des gelungenen Trefferfeedbacks richtig Spaß. Egal ob mit Axt, Schwert, Bogen oder allem zusammen. Dazu noch besondere Angriffe, die erst mit Büchern freigeschaltet werden müssen, welche überall in der Welt verstreut sind.

Schleichen darf man natürlich auch wieder. Und ahnungslose Gegner von hinten, unten oder oben leise meucheln. Nettes Detail: Als echte Wikingerin hat Eivor für heimliches Töten eigentlich nur Verachtung übrig und weigert sich, anders als ihre Vorgänger in den anderen Spielen der Reihe, ihre Meuchelklinge versteckt zu tragen.

Eine vergleichsweise kleine Rolle spielen im gesamten Spiel die Langschiffe, mit denen man die Wikinger ja gemeinhin verbindet. Die Boote wirken selbst auf den schmalen Flüssen Englands wie Nussschalen und die See-Schlachten wurden ganz gestrichen. So sind die Langschiffe nicht mehr als mittelschnelle Beförderungsmittel und Ausgangspunkt fürs Plündern von Siedlungen und Klöstern in Ufernähe.

Der Fähigkeitenbaum ist weit verzweigt und zu Beginn nur zu einem kleinen Teil aufgedeckt. Foto: Ubisoft/PM
Eivor in weiblicher Inkarnation mit einer von diversen extravaganten Frisuren – und bauchfrei. Foto: Ubisoft/PM

Wertung (Schulnote): 2+