Anna Kröning kritisiert das Schulsystem in "Deutschland hat ausgelernt".

Buchkritik : Wie die Bildungsnation sich selbst demontiert

Das deutsche Bildungssystem muss dringend fit für die Zukunft gemacht werden. Dafür braucht es nicht nur Geld, sondern Ideen und Mut, schreibt Anna Kröning in ihrem aufrüttelnden, exzellent recherchierten Buch „Deutschland hat ausgelernt“.

Anna Kröning legt mit ihrem Buch „Deutschland hat ausgelernt. Wie Schulen an der Integration scheitern und was wir tun können“ den Finger in die Wunde des „auf Kante genähten“ deutschen Schulsystems. Dafür hat die Redakteurin der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ nicht nur eine ungeheure Menge an Daten und Fakten zusammengetragen, sondern vor Ort in Grund-, Gesamt- und Berufsschulen in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern recherchiert. Viele Fakten sind dem interessierten Leser bereits bekannt – vom eklatanten Lehrermangel, über die Lage an Brennpunktschulen bis hin zu den ungelösten Herausforderungen bei der Inklusion. Und doch schockiert die Fülle der von Kröning akribisch recherchierten und in einem langen Anhang zusammengetragenen Fakten, Zahlen und Studien.

Das Besondere und gleichzeitig Spannende: Anna Kröning hat ihre Analyse mit kurzen Reportagen aus den besuchten Schulen angereichert und aufgelockert. Die Journalistin taucht damit ab ins „echte Leben“, spricht beispielsweise mit hoch motivierten, aber überforderten Lehrern und vielen frustrierten, orientierungslosen Schülern aus aller Welt an vielen Schulen im Land, die nicht nur mit der neuen Sprache, sondern mit ihren Traumata zu kämpfen haben. Viele junge Flüchtlinge gehen in den deutschen Schulen unter, weil es nur wenigen gelingt, die deutsche Sprache in nur einem Jahr so gut zu lernen, dass sie dem Regelunterricht folgen können. Überraschend ist das nicht, wohl ist es aber die von Kröning belegte bundesländerübergreifende Ignoranz der Probleme. Vieles werde einfach nicht angegangen und scheitere am Bildungsföderalismus, kann Kröning mit Fakten belegen.

Als Auszubildende scheitern übrigens nicht nur Schüler mit ausländischen Wurzeln an der Fachsprache in den Berufsschulen, obwohl sie in der betrieblichen Praxis erfolgreich sind. Hier lobt die Autorin das bayrische System, wo es eine flächendeckende Reform des Berufsschulunterrichts gab: Sprachenlernen und die Vermittlung von Fachinhalten wurden zusammengeführt.

Bayern gibt im bundesweiten Vergleich mit am meisten Geld für die Bildung aus. Bundesweit fehlen aber Ressourcen, Ideen und ein gesundes Maß an Pragmatismus, um die vorhandenen Talente zu heben und auf die neuen Herausforderungen der Integration zu reagieren – und zwar in erschreckendem Ausmaß. „Die Unterversorgung der Schulen und damit der Kinder und Jugendlichen mit Bildung ist ein flächendeckendes, schulformübergreifendes Systemproblem, das politisch in Kauf genommen wird.“ Was Kröning beschreibt, ist ein Mangelsystem, in dem es an allen Ecken und Enden an Geld, Personal und Konzepten fehlt. „Die Mehrzahl der deutschen Schulen ist auf eine fiktive homogene Schülerschaft angelegt und nicht auf die unterschiedlichen Kinder und Jugendlichen, die in den Klassenräumen sitzen.“

Mittlerweile hat in Deutschland jedes dritte Kind unter zehn Jahren  einen Migrationshintergrund. Auch tausende in Deutschland geborene Kinder brauchen sprachliche, viele sozial- oder sonderpädagogische Förderung. Lehrer und Lehrerinnen sind vielfach überfordert und werden mit den Problemen alleingelassen. Verheerend wirkt sich aus, dass jedes Bundesland sich sein eigenes System strickt. Ein bundesweit einheitliches schulisches Konzept zur Eingliederung von Nichtmuttersprachlern an deutschen Schulen oder gar Lehrpläne für die Deutsch­lernklassen existieren nicht, kritisiert Kröning, die in allen Kultusministerien nachgefragt hat und auf eine erschreckend schlechte Datenlage gestoßen ist. Wissenschaftler sprächen hier von einem ,,blinden Fleck“. Nicht einmal aussagekräftiges Erhebungen lägen vor, aus denen man funktionierende Konzepte entwickeln könnte, führt Kröning aus. „Überhaupt ist der ganze Bereich der Sprachförderung kaum evaluiert, obwohl fast jedes dritte Kind Nachholbedarf hat“, hat die Journalistin herausgefunden. Sie spricht von „wegdelegierten Verantwortlichkeiten“ im deutschen Bildungsföderalismus, der bisher bundesweite Bildungsstandards verhindert hat und bei der Lehrerbedarfsplanung kläglich versagt.

Bis zu drei Milliarden Euro koste die Integration von Flüchtlingen ins deutsche Bildungssystem pro Jahr, schätze das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Diese Investitionen kämen langfristig allen zugute und sind wirtschafts- und sozialpolitisch mehr als geboten, will Deutschland eine Bildungsnation bleiben – auch als Einwanderungsland. Denn im internationalen Vergleich ist das deutsche Schulsystem unterfinanziert. „Die öffentlichen Ausgaben für Bildung (...) verharren in Deutschland bei 4,3, Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der OECD-Schnitt liegt bei 5,2 Prozent. Um diesen Schnitt zu erreichen müsste Deutschland jährlich gut 26 Millarden Euro drauflegen.“ Das Geld wäre da, schließlich könne der Staat bis 2022 mit Mehreinnahmen in Höhe von über 63 Milliarden Euro rechnen, rechnet Kröning am Ende ihres Buches vor, in dem sie zwölf Punkte für bessere Schulen auflistet.

Bei der Fülle an Informationen ist eine gewisse Redundanz nicht zu vermeiden. Alles in allem ist dieses Buch sehr lesenswert, weil es in der geschickten Verbindung aus Analyse und Reportage Theorie und Praxis kurzweilig und kompetent verzahnt. Anna Kröning hat zwar eine alarmierende Geschichte des Scheiterns geschrieben, doch sie gibt die Hoffnung nicht auf und zeigt, was zu tun ist. Wenn jetzt endlich gehandelt wird.

Anna Kröning: Deutschland hat ausgelernt. Wie Schulen an der Integration scheitern und was wir tun können. Piper, 316 Seiten, 20 Euro.

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