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Andrea Jahn wird der neue Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz.

Stiftung Saarländischer Kulturbesitz : Andrea Jahn macht Riesen-Karriere-Sprung

Die Leiterin der Saarbrücker Stadtgalerie hat das Rennen um die Roland-Mönig-Nachfolge als Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz gewonnen. Sie tritt am 1. Juli an.

Am Montagmorgen griff die Kultusministerin selbst zum Telefon. Christine Streichert-Clivot (SPD) informierte CDU-Politiker und andere Kultur-Meinungsträger über eine der wichtigsten Personalentscheidungen für die Saar-Kultur, die Nachfolge-Regelung für den künstlerischen Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Am Abend zuvor hatte sie den Saarbrücker CDU-Oberbürgermeister Uwe Conradt ins Bild gesetzt, dass er am 1. Juli eines seiner besten Pferde im Kultur-Stall verlieren wird: Andrea Jahn, Leiterin der Saarbrücker Stadtgalerie. Letzteres berichtete die Ministerin gestern Nachmittag, auf einer hastig angesetzten Pressekonferenz. Zuvor hatte das Stiftungs-Kuratorium den Vorschlag der Ministerin zur Roland-Mönig-Nachfolge einstimmig angenommen.  Oder müsste man die Formulierung „abnicken“ wählen? Denn offensichtlich stellte  man  dem vermeintlichen Kontrollgremium, dem die Ministerin vorsitzt, nur eine Kandidatin vor.  Wie auch immer. Die Ministerin erwartet sich „frischen Wind“ für alle Stiftungshäuser, die sich „öffnen“ sollen für neue Besuchergruppen. Die Moderne Galerie soll in einen Ort verwandeln, „den man gerne besucht“. Andrea Jahn wiederum ging auf der Pressekonferenz schon inhaltlich in die Vollen, stellte das Projekt „Nine eleven“ für 2021 vor, für das sie Stadtgalerie, Staatstheater, Universität und Stiftung mit im Boot hat. Das Wadgasser Zeitungsmuseum möchte sie in ein Medienmuseum verwandeln, die gerade erst durch ihren Vorgänger Mönig neue gehängte  Sammlungspräsentation in der Modernen Galerie umkonzipieren. Generell strebt sie an,  dass „die Ausstellungen nicht so aussehen als zu der Zeit, als die Moderne Galerie gegründet wurde“. Ihre Leitmotive: Vernetzung der Institutionen und bildungsunabhängige Vermittlung. Sie decken sich zweifelsohne mit den kulturpolitischen Vorstellungen der SPD.

Die CDU wirkte dagegen gestern düpiert. „Die Ministerin hat aus dieser Personalie eine geheime Staatsaffäre gemacht“, sagt der kulturpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Sascha Zehner. Er kritisiert das „unglückliche Verfahren“, das eine durchaus begrüßenswerte Kandidatin in Misskredit bringe. Zehner moniert, dass Anfragen beim Kultusministerium zum Auswahlverfahren oder der Besetzung der Findungskommission ins Leere liefen. Nun stehe die Stadt Saarbrücken in der Stadtgalerie kurzfristig vor einem Personalproblem.

Wie Streichert-Clivot auf der Pressekonferenz offen legte, haben sich 24 Bewerber auf die Stellenausschreibung gemeldet, fünf blieben in der engeren Wahl. Es waren auch fünf Personen, die über die Neubesetzung entschieden: Die Ministerin, ihr Staatssekretär, die Frauenbeauftragte der Stiftung, der stellvertretende Kuratoriums-Vorsitzende Michael Burkert (SPD) und als Fachexperte der Pariser Museumschef Fabrice Hergott, zuvor in Straßburg Museumsleiter. Üblicherweise werden mehrere Kultur-Fachleute in eine solche Kommission berufen. Mitsprache unerwünscht? Für den CDU-Mann Zehner legt die „Hauruckentscheidung“ der SPD-Ministerin den Verdacht nahe, dass man sich die Sache recht einfach gemacht habe. Er spricht von einem „Hochrisikospiel“: Jahn übernehme eine Aufgabe, die in ihrer Komplexität nicht mit der in der Stadtgalerie zu vergleichen sei: „Die Fußstapfen, in die sie tritt, sind sehr groß“. Ein anderer CDU-Abgeordneter, der nicht genannt werden will, wagt den Vergleich, hier werde ein Abteilungsleiter zum Konzernchef berufen, Jahn überspringe mehrere Karriere-Stufen.

Die 1965 in Neu-Ulm an der Donau geborene promovierte Kunsthistorikerin Jahn, die Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte in Tübingen, München, New York und Trier studierte, wechselte 2012 von Friedrichshafen am Bodensee ins Saarland. Dort war sie Kuratorin für den Kunstverein, zuvor, bis 2005, Kuratorin und stellvertretende Direktorin des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart. In Saarbrücken sollte Jahn die unter Stiftungs-Verwaltung ins öffentliche Abseits geratene Stadtgalerie wiederbeleben. Überraschend schnell gelang ihr, das zeitgenössisch ausgerichtete Haus mit gesellschaftlich relevanten, thematischen Ausstellungen und mit ortsbezogenen Installationen zurück auf die Kunst-Landkarte zu bringen. Jahn machte ein international ausgerichtetes Programm, engagierte Konzeptkünstler, präsentierte Video- und Performancekunst und gab auch der Klangkunst wieder eine Heimat.

Dabei bevorzugt sie lebensnahe oder zeitpolitisch relevante Themen, zeigte unter anderem die iranische Künstlerin Parastou Forouhar, die die Begegnung von Orient und Okzident reflektiert. Viel beachtet wurde die Ausstellung „In the cut“ – männliche Körper aus feministischer Perspektive. Kurz, mit Eigenbezüglichkeit hat die Neue an der Spitze der Stiftung Kulturbesitz nichts am Hut. Die stillen Tage in der Modernen Galerie sind wohl vorbei.