Weltliteratur : Israels Stimme und ein großer Menschenkenner

Der israelische Schriftsteller Amos Oz ist tot, er wurde 79 Jahre alt. Ein Buch brachte ihm Weltruhm.

Der Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, 2002 veröffentlicht, ist Weltliteratur. Darin beschrieb Amos Oz seine eigene Kindheit im Jerusalem der Mandatszeit und während der Gründung des Staates Israel. Seine Eltern waren aus Osteuropa nach Palästina emigriert, die Mutter wurde in den Umständen der 1930er Jahre depressiv und entschied sich für einen Suizid. Der Vater heiratete wieder, das Leben ging weiter. Oz vermischt in dem autobiografischen Buch im orientalisch üppigen Stil Fakten und Fiktion, es ist die wechselvolle Geschichte der Region. Es ist das einzige Werk von Amos Oz, das ins Arabische übersetzt wurde. Der palästinensische Anwalt Elias Khoudry war so berührt von diesem Buch, dass er es auf eigene Kosten übersetzen ließ.

Oz’ Krebsleiden war stärker als seine Lebenskraft. Ihm ist er nun erlegen, wie seine Tochter Fania Oz-Salzberger bekannt machte. „Danke an alle, die ihn lieben“, schrieb sie auf Twitter. Ihr Vater hinterlässt ihr und allen Fans dieses großartigen Schriftstellers ein stattliches Werk mit Romanen, Erzählungen, Kinderbüchern und Essays. Oz erhielt mehrere internationale Preise und Ehrendoktorwürden. Er wurde seit Jahren für den Literaturnobelpreis gehandelt. Seine Bücher wurden in 36 Sprachen übersetzt. „Er starb ruhig und im Schlaf, umgeben von seinen Lieben“, schrieb die Tochter.

In Deutschland verlieh man ihm 1992 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2005), den Siegfried-Lenz-Preis (2014), den „Welt-Literaturpreis“ und weitere Auszeichnungen. Oz war hierzulande ein gern gesehener, auch bewunderter Gast. Er konnte Menschen für sich einnehmen, war 1977 Mitbegründer der politischen Friedensbewegung „Peace Now“ und beeindruckte durch seine konsequente liberale Lebenshaltung.

An der Hebräischen Universität in Jerusalem hatte er Literatur und Philosophie studiert. An der Ben-Gurion-Universität lehrte er von 1987 bis 2005 hebräische Literatur. Dort wurde ihm auch der Agnon-Lehrstuhl für moderne hebräische Literatur zugesprochen. Als er für seinen Roman den kirchlichen „Mount Zion Award“ erhielt, sprach er in seiner Dankesrede Klartext. Er hasse die abscheuliche Geschichte von Judas: Sie habe 2000 Jahre Hass und Verfolgung über das jüdische Volk gebracht. Und das für einen Verrat von umgerechnet 600 Euro Bestechungsgeld.

Das Thema des am 4. Mai 1939 in Jerusalem Geborenen war lange das Leben im Kibbuz und bis zuletzt die israelische Geschichte und ihre Traumata. Bürgerlich hieß er Amos Klausner, nahm aber den Namen „Oz“ an, der auf Hebräisch „Kraft“ oder „Stärke“ bedeutet. Als Soldat kämpfte er im Sechstagekrieg und im Yom-Kippur-Krieg. Seine Erlebnisse in den militärischen Auseinandersetzungen brachten ihn dazu, die israelische Friedensbewegung mit ins Leben zu rufen und Gespräche mit den Palästinensern zu suchen. Das wurde von vielen seiner Landsleute weder verstanden noch gutgeheißen. Dennoch trat Oz bis zuletzt für die Zwei-Staaten-Bildung ein.

Amos Oz, ein scharfer Kritiker der heutigen israelischen Regierung, war die Stimme Israels. Er hatte sich gegen die militärischen Operationen im Libanon und im Gaza-Streifen gewandt. Er ging davon aus, dass die Beleidigungen, Herabsetzungen und Verletzungen zwischen Israelis und Arabern nur durch Gespräche und Verhandlungen aufzulösen wären. In seinen Büchern spielten die politischen und sozialen Spannungen stets eine Rolle. Zugleich glaubte er fest daran, dass die Kraft des Menschseins und der Liebe stärker sein könnte. Ein großer Menschenkenner ist gestorben.