Alleinerziehende Alltagsheldinnen

Alleinerziehende Alltagsheldinnen

Mit „Die Welt der Wunderlichs“ (ab morgen in Saarbrückens Camera Zwo) knüpft Dani Levy (59) an seinen bisher größten Publikumserfolg „Alles auf Zucker“ (2004) an und bietet erneut eine schräge Familie in einer Komödie auf. Von der ersten Minute braust der fabelhaft besetzte Film (Katharina Schüttler, Peter Simonischek, Christiane Paul, Steffen Groth und Hannelore Elsner) hochtourig los. SZ-Mitarbeiter Martin Schwickert hat mit Levy gesprochen.

Wie entstand die Idee, ausgerechnet eine Komödie über einen Katalog aus psychischen Störungsmustern zu machen?

Levy: Psychische Störungen betreffen uns heute alle. Sie sind eine Reaktion auf ein anstrengendes Leben, an dem Menschen verzweifeln, auf das sie mit Ängsten, Überforderung, Erschöpfung, Überstrukturieren oder Atemlosigkeit reagieren. Wir haben heute zum Glück einen viel bewussteren Umgang mit psychischen Störungen. Das Thema ist viel weniger tabuisiert als noch vor zehn oder 20 Jahren. Man kann heute sagen "Ich habe ein Burnout oder eine Depression", ohne dafür wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Ich wollte einen Film machen, der mit diesem Thema liebevoll und amüsant umgeht.

Und warum in Komödienform?

Levy: In der Komödie waren Figuren mit psychischen Macken schon immer zu Hause. Die Komödie an sich nährt sich ja aus der Widersprüchlichkeit des Menschen, dem Scheitern und dem Nicht-Zurechtkommen der Menschen miteinander. Am Anfang stand die Idee, dass alle Figuren im Film ein starkes emotionales Problem haben sollten. Beim Recherchieren merkte ich, dass diese Störungen selten einzeln auftreten, sondern in Familienkonstellationen eingebunden sind. Deshalb lag der Gedanke nah, eine Familienaufstellung zu entwerfen, die über mehrere Generationen psychische Störungen in sich trägt.

Warum bieten Familien immer wieder einen solch fruchtbaren Boden für Komödien?

Levy: Die Komödie ist deshalb so ein gutes Genre für Familiengeschichten, weil Familien im Leben oft anstrengend und festgefahren sind. Es ist nicht so einfach, aus der eigenen Rolle heraus zu kommen. Hier kann die Komödie - im Gegensatz zur Tragödie und dem echten Leben - latente Lösungsvorschläge anbieten: Da gibt es Figuren, die Regeln verletzen, die ausbrechen, für etwas kämpfen, plötzlich Geheimnisse ausplaudern. Inwieweit sind Ihre eigenen Familienerfahrungen eingeflossen?

Levy: Meine Familie ist leider nicht so durchgedreht und vor allem nicht so durchlässig wie die Wunderlichs. Ich komme aus einer eher stillen, verstockten, verklemmten Familie. Die Atmosphäre war liebevoll, aber über Persönliches und Emotionales wurde sehr wenig gesprochen. Meine Familie war eigentlich sehr hermetisch. Da sind die Wunderlichs im Film eine Art befreiender Gegenentwurf.

Im Zentrum der Geschichte stehen Mimi und ihr achtjähriger Sohn Felix. Was macht die besondere Dynamik einer solchen Mutter-Sohn-Konstellation aus?

Levy: Alleinerziehende Mütter haben eine Menge zu stemmen. Sie sind echte Alltagsheldinnen. Die alleinerziehenden Mütter, die ich aus dem schulischen Umfeld meiner Kinder kenne, haben eine fürsorgliche, aber oft auch etwas symbiotische Beziehung zu ihren Kindern und sind dadurch ziemlich unfrei. Das eigentliche Thema des Filmes ist, dass Frauen immer noch von der gesellschaftlichen Konvention geprägt sind, ihre Wünsche und Träume hinten anzustellen. Für Männer ist das Streben nach persönlicher Erfüllung oft eine Selbstverständlichkeit. Für Frauen hingegen bedarf es meistens eines Befreiungsschlages - so wie ihn Mimi im Film vollzieht. Sie muss erst lernen, ihre eigene Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Wie wichtig ist Improvisation beim Drehen für das Frischegefühl einer Komödie?

Levy: Textliche Improvisation lasse ich in der Regel wenig zu, weil das, was in der Improvisation entsteht, selten besser ist als das, an dem ich über Jahre gearbeitet habe. Aber ich gebe den Schauspielern großen Freiraum in der Begehung der Szene. Ich drehe immer mit mehreren Kameras. Bei mir gibt es keine Proben. Ich lasse die Schauspieler aus der Maske kommend direkt losspielen. Wir probieren viel aus. Das ist am Ende eine Menge Material, was im Schnittraum gebändigt werden muss.

Casting-Shows werden oft als zynische Veranstaltungen wahrgenommen. In Ihrem Film wird eine Casting-Show zum familientherapeutischen Katalysator.

Levy: Im Film geht es ja nicht um Casting-Shows. Für mich war entscheidend, dass Mimi ein Ziel hat. Da "Die Welt der Wunderlichs" ein Musikfilm ist - ich liebe Musikfilme, es gibt viel zu wenige in Deutschland - und Mimi Singer-Songwriterin, erschien mir ein Musikwettbewerb ein realistisches Modell, in dem Mimi sich als Musikerin bewähren muss. Wenn normale Leute die Chance haben, ihren Traum auf der Bühne auszuleben, hat das für mich manchmal etwas sehr Berührendes.

Humor ist ja immer eine riskante Angelegenheit. Das, was man selbst lustig findet, kann für andere gar nicht komisch sein. Wie schafft man die richtige Balance zwischen dem eigenen, individuellen Humorempfinden und einer Komik, die in die Breite strebt?

Levy: Ich habe ja schon einige Komödien gedreht und bei jedem Film lerne ich dazu. Aber bei der Entwicklung des Drehbuchs und auch am Set versuche ich mich von dieser Frage zu lösen. Es würde mich verrückt machen, immer darüber nachzudenken, ob dieser oder jener Witz von allen verstanden wird. Der Humor, der sich in meine Filme einschleicht, ist ja oft ein melancholischer, sentimentaler Humor, der aus einer emotionalen Betroffenheit heraus entsteht und auf den Zuschauer unterschiedlich reagieren. Das lässt sich nicht kalkulieren.

Die Kritik zu "Die Welt der Wunderlichs" und den anderen neuen Filmen finden Sie morgen in unserer Beilage "treffregion".

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