Album "Free" von Iggy Pop

„Free“, das neue Album von Iggy Pop : Diesmal bleibt der Punk im Schrank

Iggy Pop legt mit „Free“ ein ungewöhnliches Album vor – im letzten Drittel liest und raunt er zu angejazzten Sphärenklängen.

Es ist ja nicht so, dass Iggy Pop in den vergangenen Jahren nur das Bild bedient hätte, das sich viele von ihm machen: das des ewigen Punk-Urvaters und Exzessiv-Rockers, der sich auf der Bühne zügig das T-Shirt wegreißt und auch in reiferem Alter einen beneidenswert fettreduzierten Oberkörper zeigt. Pop, jetzt auch schon 72, schlug gerade in seinen 60ern immer wieder unerwartete Töne an; mit dem Album „Après“ von 2012 etwa, voller Coverversionen, in denen er Kollegen wie Serge Gainsbourg und  den Beatles die Ehre erwies. „Post Pop Depression“ von 2016 war wieder ein konventionelleres Rock-Album, das ihm als Endsechziger unerwarteten kommerziellen Erfolg bescherte: Top 5 in England und, zum ersten Mal überhaupt, Top 20 in den USA.

„Free“ ist nun der Nachfolger und noch einmal eine musikalische Abbiegung des Amerikaners, die die Kritik spalten könnte. Der „Guardian“ nennt das neue Album einen Flickenteppich, der oft ungnädige „New Musical Express“ vergibt dagegen acht von zehn Sterne. Beides kann man verstehen, denn „Free“ hat bei seiner übersichtlichen Lauflänge von 33 Minuten weniger einen roten Faden oder eine durchgängige Stimmung denn einzelne fulminante Momente. Getragen beginnt es, mit spärischen Klängen, einer jazzigen, höchst melancholischen Trompete und Iggy Pop, der zwei Mal „I wanna be free“ raunt und es diesmal insgesamt ruhiger angehen lässt – das folgende „Loves Missing“ ist ein spannungsvoller Rocker im mittleren Tempo, der langsam, aber kraftvoll  vor sich hin schrammelt. Eher poppig-hoppelnd ist ein Stück namens „James Bond“, das von einem federnden Bassmotiv emsig angeschoben wird, aber auch ein wenig leichtgewichtig klingt.

Wie immer ein Trumpf: Pops dunkle Stimme, stets ein bisschen mit Pathos-Vibrato, das auf „Free“ zumindest einmal eskaliert: Die Ballade „Page“ singt er mit stimmlichem Wabern gnadenlos in Grund in Boden, das Wort „human“ klingt bei ihm wie „juhuhuhuhuuuumäään“. Daran muss man sich gewöhnen (wenn es einem gelingt). Aber ab hat das Album mit seinen finalen drei Stücken nichts mehr gemein mit einem üblichen Rock-Album. Pop liest Texte des Kollegen Lou Reed und von Dylan Thomas, begleitet von sphärischen Klängen, der Gitarre von Sarah Lipstate und der Trompete von Jazzer Leron Thomas.

Lou Reeds Text „We are the People“ mag aus den 1970ern stammen, aber seine Schilderung von der gezielten Selbstzerstörung des Menschen ist dank der menschlichen Natur zeitlos – egal, ob man die Zeilen nun auf Pops amerikanische Heimat unter Trump bezieht oder nicht. Die Musik schwebt und wabert, Pops Stimme knarzt und raunt – eine bezwingende Verbindung, die nur jene enttäuschen wird, die sich von Iggy Pop die ewigen Rockposen wünschen. Diesmal behält er das T-Shirt sozusagen an.

Iggy Pop: Free. (Caroline International).

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