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Saarbrücker Jazzfestival: 182 Jahre auf zwei Schultern und 17 weitere Gründe

Saarbrücker Jazzfestival : 182 Jahre auf zwei Schultern und 17 weitere Gründe

Morgen startet die 14. Ausgabe des Saarbrücker Jazzfestivals – noch gibt es für alle Konzerte Karten, das könnte sich bald ändern.

(cis) Lassen wir das dumme Sprüchlein beiseite, dass Jazz offenbar jung hält (die Gegenbeispiele sind Legende). Und stellen einfach nur fest, dass am Donnerstag zwei Altsaxophonisten nach Saarbrücken anreisen werden, deren einer 92 Jahre alt ist und der andere 90. Aus Frankfurt kommt Emil Mangelsdorff mit seiner Rhein Main All Star Band, um abends im Funkhaus Halberg bei der 14. Ausgabe des Saarbrücker Jazzfestivals aufzutreten.

Ob Lee Konitz, der am selben Tag mit dem Zug alleine aus München anreisen wird, sich abends auf dem Halberg das Spätwerk von Mangelsdorff anhören wird? Oder doch eher Mangelsdorff 24 Stunden später am selben Ort Konitz’ Konzert? Mit Mangelsdorffs Posaunisten-Bruder Albert (1928-2005) spielte der als Ikone des Cool Jazz geltende Konitz in den frühen 80ern mal ein Album ein („Art of the duo“).

„Emil verehrt die Musik von Lee“, erzählt einem Wolfgang Krause am Telefon, der Kopf des Saarbrücker Jazzsyndikats, das uns den heraufziehenden Herbst wieder mit Blue­notes versüßt. Wer wollte Krause widersprechen: „Es ist ein Wahnsinn“ (so der Jazzsyndikalist gestern), dass Konitz und Mangelsdorff immer noch auf der Bühne stehen. Und sollten sie sich nicht abends bei einem ihrer Konzerte treffen, dann doch wohl im Leidinger, wo sie beide absteigen werden. Ein kleines Aperçu, das den familiären Charakter des Saarbrücker Festivals ganz gut verdeutlicht.

Wenn familiär bedeutet, dass alle (halbwegs) gleichberechtigt sind, ist man es noch auf andere Weise. Er sei, sagt Krause, „ein strikter Gegner“ unverhältnismäßig gestaffelter Gagen. Sprich des nicht unüblichen Branchenmodus, bei „Stars“ eine kräftige Schippe draufzulegen, indem man bei unbekannteren Jazzern hartherzig knausert. Was so viel heißt wie: Wer zu den Syndikat-Konditionen nicht spielen will, soll es bleiben lassen.

Die offizielle Eröffnung des Festivals, der Mitte Oktober schon ein Prolog (und im September in der St. Arnualer Kettenfabrik ein regionaler Konzertdreier) vorausging, bestreitet morgen Abend im Funkhaus Halberg ein alter Festivalbekannter: Al Foster gastiert mit seinem Quintet in einem Tribute to Charlie Parker-Konzert. Was Krause am Telefon in die Jazz-Analen zurückgaloppieren lässt, um daran zu erinnern, dass Parker und Konitz die beiden großen Altsaxophon-Antipoden auf dem Weg vom Swing zum Bebop gewesen seien. Es gibt aber auch noch eine andere Querverbindung: Miles Davis. Er holte Konitz 1948 in sein Nonett, mit dem er 1957 dann auch das legendäre „Birth of the Cool“-Album einspielte, das in der Geschichte des Jazz eine Zäsur markiert, weil es die Geburt des Cool Jazz einleitete. Foster wiederum wurde auch von Davis entdeckt – 25 Jahre später holte er ihn 1973, als sich die Wege von Miles und Konitz schon längst getrennt hatten, in seine einen Fusion-Sound kultivierende „Miles Davis Electric Band“.

Genug: Wer noch unentschlossen ist, zu welchem der 19 kommenden Festivalkonzerte (25. Oktober bis 19. November) er/sie gehen soll, kann sich entweder mit den auf der Syndikatseite (www.jazz-syndikat.de) gebündelten Kostproben auf die Sprünge helfen lassen. Oder aber Wolfgang Krauses dezente Warnung hilft, nicht ganz auf die Abendkassen zu setzen. Es gebe zwar noch für alle Konzerte Karten, aber man habe in den Vorjahren immer auch schon mal auf gut Glück vorbeischneiende Leute abends heimschicken müssen. Wie es sich für einen Programmmacher gehört, mag Krause nicht einzelne Gigs hervorheben. Er findet, wen wundert’s, natürlich alles hörenswert.