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Mythos und Goldjunge

Frankfurt. Ende der Goldenen Zwanziger, kurz vor der Weltwirtschaftskrise, da steckte die Traumfabrik in der Krise: Die Einführung des Tonfilms mit ihren technischen und finanziellen Widrigkeiten, Zensurauflagen sowie die drohende Etablierung von Gewerkschaften ließen die Studiobosse in Hollywood nicht mehr ruhig schlafen. Da entwickelten Louis B Von SZ-Mitarbeiter Josef Nagel

Frankfurt. Ende der Goldenen Zwanziger, kurz vor der Weltwirtschaftskrise, da steckte die Traumfabrik in der Krise: Die Einführung des Tonfilms mit ihren technischen und finanziellen Widrigkeiten, Zensurauflagen sowie die drohende Etablierung von Gewerkschaften ließen die Studiobosse in Hollywood nicht mehr ruhig schlafen. Da entwickelten Louis B. Mayer, Präsident des Studios Metro-Goldwyn-Mayer, Schauspieler Conrad Nagel, Regisseur Fred Niblo und Produzent Fred Beetson 1927 eine brillante Idee: die Vergabe eines Filmpreises für herausragende Leistungen, um die Branche gebührend zu feiern und zu fördern.


Beim Gründungsbankett am 11. Mai 1927 im Biltmore Hotel in Los Angeles baten die Vertreter der Filmindustrie renommierte Filmschaffende, Gründungsmitglieder der "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" zu werden - die Geburtsstunde des glamourösesten Filmpreises der Welt: eine 34,4 Zentimeter hohe und 3,8 Kilogramm schwere Statuette aus einer Metall-Legierung, veredelt mit Goldschicht.

Zwei Jahre später wurden dann die ersten Trophäen in zwölf Kategorien verliehen. Der deutsche Schauspieler Emil Jannings ist der erste Oscar-Empfänger überhaupt. Für seine Leistungen in "Der letzte Befehl" und "Der Weg allen Fleisches" erhielt er den Preis aus Termingründen vorab.

Das Frankfurter Filmmuseum zeigt nun eine große, weltweit erste Präsentation zur Geschichte des Oscar. Dicht gepackt, unerwartet nüchtern empfängt die sachkundige Schau den Besucher. Medialer Glamour will sich mit den schlicht aufgezogenen Bildern und ausgestellten Zeitdokumenten nicht sofort einstellen.

Die 150 Exponate stammen zu großen Teilen aus den Archiven der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Neun Themeninseln erzählen mit Fotos, Plakaten, Storyboards, Drehbuchauszügen, Kostüm- und Szenenbildentwürfen bekannte und unbekannte Geschichten von den Produktionen und ihren Schöpfern. Höhepunkt der Ausstellung: zehn Oscars aus den Jahren 1929 bis 1963 - darunter der von Frank Borzage für "7th Heaven" (1929), Clark Gable für "Es geschah in einer Nacht" (1935), Bette Davis für "Jezebel" (1939), John Huston für "Der Schatz der Sierra Madre" (1949) und von Billy Wilder für "Das Appartement" (1961).



Inzwischen, nach 2809 verliehenen Statuen, ist die Oscar-Verleihung jährlicher Höhepunkt des Showbusiness. Der brancheneigene Gradmesser vom Marktwert der Stars, Künstler, Produzenten und Studios ist ein weltweites Medienereignis mit allein 40 Millionen Fernsehzuschauern in den USA. Die Stars auf dem roten Teppich, die mehr oder weniger phantasievollen Kleider und eher traditionellen Smokings, der Sitzcode, das Eingravieren der Namen auf die Oscar-Statuen nach Bekanntgabe der Preisträger sind zum Mythos, zum Ritual geworden.

Wo Glamour zelebriert wird, gibt es aber auch Schattenseiten. Die Abteilung "Vergessene Filme" gibt darüber Auskunft. Da ist etwa "Marty" (1955), ein milieustarkes, oscarprämiertes, aber eben auch vergessenes Arbeiter-Drama mit Ernest Borgnine in der Titelrolle. Aufruhr erregte 1963 "Tom Jones". Der Film bekam Zensurprobleme wegen seiner Gewaltdarstellungen und sexueller Anspielungen. Auch interessant: Viele Szenenbildentwürfe - zu "Die Faust im Nacken" oder "Boulevard der Dämmerung" etwa - wirken wie eigene kleine Kunstwerke. Sie strahlen bereits die Atmosphäre, die Magie des in Produktion befindlichen Kinofilms eindrucksvoll aus.

Bis 18. April. Di 10-18, Mi 10-20, Do-So 10-18 Uhr. Katalog: 34,80 Euro.

Kostümentwurf von Edith Head für Marlene Dietrich in Billy Wilders "Zeugin der Anklage" von 1957. Foto: Ampas
Kostümentwurf von Edith Head für Marlene Dietrich in Billy Wilders "Zeugin der Anklage" von 1957. Foto: Ampas
Kostümentwurf von Edith Head für Marlene Dietrich in Billy Wilders "Zeugin der Anklage" von 1957. Foto: Ampas
Kostümentwurf von Edith Head für Marlene Dietrich in Billy Wilders "Zeugin der Anklage" von 1957. Foto: Ampas