Musik wider den Untergang

Musik wider den Untergang

Seit vielen Jahren singt Ruth Frenk bereits die Musik jener jüdischen Komponisten, die in den Konzentrationslagern umkamen. Am Montag berichtet sie im Staatstheater über die „Musik im KZ Theresienstadt“.

Es sind Worte, die nicht zusammengehen wollen: "Musik im KZ". Das Schöne und das Grausamste. Dennoch war es vielfache Wirklichkeit: Diverse Lagerkommandanten ließen Gefangene aufspielen, derweil man andere in den Tod jagte. Operettenmelodien und Schlager von Zarah Leander waren das Hauptrepertoire des Mädchenorchesters von Auschwitz. Das hörten die Mörder in den SS-Uniformen besonders gern.

Am kommenden Montag nimmt sich nun die Sängerin Ruth Frenk in einem Vortrag im Staatstheater der "Musik im KZ Theresienstadt" an. Das Lager, in dem bis zu 60 000 Menschen zusammengepfercht leben mussten, war ein Ort, so unfassbar es klingt, an dem tatsächlich die Kultur blühte. Schriftsteller wie die Kinderbuchautorin Ilse Weber waren dort inhaftiert, Schauspieler, Maler und die Pianistin Alice Herz-Sommer, die im Lager mehrfach die Chopin-Etüden spielte. "Was ihr vielleicht das Leben rettete", so Frenk: "Sie bekam Sonderkonditionen zum Üben. Die Nazis mochten diese Musik auch."

Vor allem die Riege der Komponisten aber war ein kleines Who is who der damals zeitgenössischen Musik. Der Österreicher Victor Ullmann gehörte dazu, Hans Krasa, und auch Pavel Haas, der als Leos Janaceks Meisterschüler galt. Ullmann war noch Schüler von Arnold Schönberg, einem der Wegbereiter der Neuen Musik. "Das wäre die nächste Generation bedeutender Komponisten gewesen, die so brutal gestoppt wurde", sagt Ruth Frenk. Auch ihre eigene Biographie ist eng mit dem Holocaust verknüpft. Beide Eltern waren in Bergen-Belsen, ein großer Teil ihrer Familie wurde ausgelöscht. Nach Jahren in den USA und in Israel ließ sich die gebürtige Niederländerin 1974 in Konstanz nieder. "Damals guckten viele Deutsche bei dem Wort Jude einfach weg oder es stieg ihnen die Schamesröte ins Gesicht", erinnert sich die Sängerin, die bei Erika Köth studiert hat. Frenk befasste sich zunächst mit jiddischer Musik. Dann stieß sie, schon in den 80ern, auf Kinderlieder aus Theresienstadt. Sie machte daraus ein Programm. Und sorgt seitdem dafür, dass diese Musik aus den KZs und damit auch die Menschen, die sie geschaffen haben, nicht in Vergessenheit geraten.

Victor Ullmann etwa hatte sogar mitten im Lager ein Studio für Neue Musik eingerichtet. Zwei Dutzend Werke komponierte er im KZ, darunter die Oper "Der Kaiser von Atlantis". Seine Noten soll er auch auf die Rückseiten von Deportationslisten geschrieben haben. Aber es gab auch Kammermusikensembles. Und die "Ghetto Swingers" jazzten. Obwohl auch in anderen Lagern Orchester existierten, war KZ-Insassen Theater spielen, Musizieren oder nur etwas aufzuschreiben sonst generell streng verboten. Theresienstadt war also in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme, erläutertet Frenk. Die Nazis inszenierten das Ghetto in der tschechischen Provinz als "Musterlager", wo Juden sich angeblich bei Sport und Kultur die Zeit vertreiben konnten. Das gipfelte sogar in dem bizarren Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", der im Frühherbst 1944 gedreht wurde. Längst war das Dritte Reich da militärisch in schwerer Bedrängnis. Und so versuchte man rasch die eigenen Verbrechen noch zu vertuschen.

Was aber befähigt Menschen dazu, in einer solchen Umgebung noch zu komponieren, auf der Bühne zu stehen? "Es ist unglaublich, dass sich diese Menschen dazu aufraffen konnten", meint Frenk, "aber wenn man nicht untergehen wollte, musste man sich wohl an etwas festhalten, und für einige war es wohl ein solcher geistiger Wert."

"Musik im KZ Theresienstadt": Vortrag von Ruth Frenk am 3. Februar, 19 Uhr, Mittelfoyer des Saarländischen Staatstheaters. In Zusammenarbeit mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Eintritt frei.