Multiresistente Keime werden immer gefährlicher

Antibiotika-Krise : „Das Problem ist größer, als die meisten denken“

Der Saarbrücker Pharmaforscher Professor Rolf Müller fordert von der Politik energisches Handeln im Kampf gegen multiresistente Keime.

Alle Welt redet über den Klimawandel. Vor allem junge Menschen fürchten angesichts der Vorhersagen der Klimaforscher um ihre Zukunft und wollen bei Demos politischen Druck machen. Einer anderen, viel näher liegenden Gefahr wird dagegen bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit zuteil. In jedem Jahr sterben in Deutschland nach einem Bericht der Uni Witten/Her­decke mehr Menschen an den Folgen einer Infektion mit multiresistenten Keimen als im Straßenverkehr. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Zahl der Opfer in der EU auf 33 000, die Weltgesundheitsorganisation die weltweiten Todesfälle auf 700 000.

Und während die Klimatologen noch an ihren Computermodellen feilen, gibt es an den Erkenntnissen der Infektionsforscher längst nichts mehr zu deuteln. „Antibiotikaresistenzen steigen massiv“, warnte die ETH Zürich vor wenigen Wochen. Die britische Regierung geht davon aus, dass 2050 weltweit mehr Menschen an den Folgen nicht mehr behandelbarer Infektionen sterben werden als heute an Krebs.

Gegen Antibiotika resistente Erreger verbreiten sich überall. Durch den globalen Flugverkehr reisen sie in wenigen Tagen um die Welt. Mikrobiologen der Uni Bern fanden 2016 in einer Stichprobe bei einem Viertel der aus Indien heimkehrenden Fernost-Reisenden multiresistente Darmbakterien im Stuhl, Biologen der Uni Münster isolierten sie auf Türklinken von Flughafen-Toiletten.

„Das Problem“, sagt Professor Rolf Müller, Leiter des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung in Saarbrücken (HIPS), „ist viel größer, als die meisten denken.“ Bakterien haben im Lauf der Evolution Methoden entwickelt, Antibiotika zu neutralisieren und entwickeln immer mehr Widerstandskräfte. Die Pharmabranche dagegen rüstet ab. Mit Novartis und Sanofi hätten sich im vergangenen Jahr wieder zwei große Unternehmen aus der Entwicklung neuer Medikamente verabschiedet, kritisiert der Saarbrücker Pharmaforscher.

Die Wissenschaft habe „zwei Jahrzehnte die Entwicklung neuer Medikamente schleifen lassen“. Die Pharmabranche zeige wenig Interesse, wieder groß einzusteigen, weil sich mit neuen Antibiotika, die als Reservemittel zurückgehalten werden müssen, kaum Geld machen lasse. Doch ganz allgemein liege das Problem darin, dass die Wertschätzung dieser Medikamente gering sei, obwohl sie der wesentliche Faktor für die steigende Lebenserwartung im vergangenen und auch in diesem Jahrhundert seien. Die geringe Wertschätzung spiegele sich schließlich im Preis wieder: „Kein Mensch kann mir erklären, warum ein Medikament, das Leben rettet, nur 15 Euro kosten soll, eine Krebstherapie aber das Zehntausendfache.“

„Wenn wir so weitermachen, haben wir schon in 20 Jahren keine wirksamen Medikamente mehr“, warnt Rolf Müller und fordert jetzt die Wende. Die Forschungsorganisationen in der EU müssten die Entwicklung neuer antibakterieller Wirkstoffe fördern und die EU-Kommission endlich Druck auf Pharmafirmen ausüben. „Gut zureden wird da nicht helfen.“ Im schlimmsten Fall müsse den Unternehmen mit Boykott gedroht werden. „Entweder der Staat bringt die Pharmafirmen mit politischen Mitteln dazu, wieder in die Entwicklung dieser Medikamente einzusteigen, oder er muss die Entwicklung selbst finanzieren.“

Eine Liste des Verbands forschender Arzneimittelhersteller zeigt den Kern des Problems. Die meisten Antibiotika-Klassen wurden zwischen 1943 und 1964 entwickelt. Danach, so heißt es in einem anderen Bericht des Fonds der Chemischen Industrie, wurden neue Medikamente gewonnen, „indem man bereits bekannte Grundstrukturen veränderte“. Etwa 1,5 Milliarden Euro kostet die Entwicklung eines neuen Antibiotikums, zwölf Jahre gehen darüber ins Land, schätzt Rolf Müller. Auch wenn sich die Entwicklung mit Hilfe der staatlichen Großforschungseinrichtungen in Deutschland sicherlich beschleunigen lasse, könnten also frühestens Ende des nächsten Jahrzehnts neue Wirkstoffe zur Verfügung stehen.

Müller plädiert deshalb auch für mehr Verantwortungsbewusstsein beim Umgang mit Antibiotika. Ärzte und Patienten seien in der Vergangenheit oft zu lax mit diesen Medikamenten umgegangen. In Krankenhäusern könne die moderne Apparatemedizin zwar viele Patienten retten – sie biete Bakterien aber auch schon bei der geringsten Nachlässigkeit in der Hygiene ideale Angriffsmöglichkeiten. Da Anti­biotika schließlich auch massenweise in der Tiermast eingesetzt werden –„sofort verbieten“ fordert Rolf Müller –, seien Resistenzen über Jahrzehnte förmlich gezüchtet worden.

Gerade von der Tierzucht geht nach einer Mitteilung der ETH Zürich in den kommenden Jahren große Gefahr aus. In Schwellen- und Entwicklungsländern verbreiteten sich antibiotikaresistente Mikroorganismen derzeit massiv. In Afrika habe der Fleischkonsum in nur zwei Jahrzehnten um 50 Prozent zugenommen, in Asien und Lateinamerika um zwei Drittel. In diesen Regionen würden Antibiotika in der Tierhaltung massiv eingesetzt, um Infektionen vorzubeugen. In Teilen Chinas, Indiens, im Iran und der Türkei gebe es Bakterien, „die gegen eine Vielzahl der in der Fleischproduktion und der Humanmedizin eingesetzten Mittel resistent sind.“

Prof. Rolf Müller Foto: UdS. Foto: HIPS

Von den 1960er bis in die 1990er Jahre, das zeigt die Statistik des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, wurden kaum neue Antibiotika-Klassen eingeführt. Weil Antibiotika viel zu lange viel zu bedenkenlos verwendet wurden, hatten die Krankheitserreger viel Zeit, Widerstandskräfte zu entwickeln. Jetzt schlagen ihre mutierten Abkömmlinge zurück. Bei bestimmten Infektionen, so Professor Martin Krönke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung bei der Eröffnung des Saarbrücker HIPS im Jahr 2015, „kann man fast nur noch beten“.

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