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Gedenksteine in Moers beschädigt
„Jeder Fall rückt die Stolpersteine in die Öffentlichkeit“

Überall in Deutschland erinnern Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus. Immer wieder werden die Kunstwerke aber auch herausgerissen oder beschädigt - so wie jetzt in Moers. Doch die Täter erreichen damit genau das Gegenteil dessen, was sie intendiert haben - davon ist eine Mitarbeiterin des Projekts überzeugt. Von Claudia Hauser

Sie sollen den Menschen, die in deutschen Konzentrationslagern getötet wurden, ihre Namen zurückgeben: Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig. In Moers haben Unbekannte nun bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen mehrere Stolpersteine mit schwarzer Farbe beschmiert. Die Namen der Toten sind nun nicht mehr lesbar.


Wenn Stolpersteine irgendwo in Deutschland beschmiert oder herausgerissen werden, hat das fast immer einen politischen Hintergrund: Im Moerser Ortsteil Vinn haben die Täter Nazi-Parolen an Fassaden gesprüht. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

Demnigs Projekt wächst stetig seit 1992. In dem Jahr verlegte er seinen ersten Stolperstein in Köln. Inzwischen wurden fast 69.000 Steine in 1265 Kommunen in Deutschland verlegt. Die Betonquader mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern finden sich aber auch in 21 weiteren europäischen Ländern. Eine Ausstellung der Stadt Köln widmete sich dem Projekt, hier ist von einer fünfstelligen Anzahl Ehrenamtlicher die Rede, die sich in Fördervereinen engagieren, Steine verlegen – und sie ersetzen, wenn Vandalen sie beschädigen oder herausreißen.



Auf jedem Stein stehen auf einer Messingplatte Name, Lebensdaten und Todesursache eines Opfers des Nationalsozialismus. Sie werden vor Häusern verlegt, in denen die Menschen gelebt haben, bevor sie deportiert und ermordet wurden. Einzelne Personen oder auch Schulklassen können für 120 Euro eine Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen.

Dass die Kunstwerke geschändet werden, wie nun in Moers, kommt immer wieder vor. Es gibt Fälle von Vandalismus aus Krefeld, Köln oder Oberhausen. In Viersen haben sich im Frühjahr 13 Bürger gegen eine Verlegung von Stolpersteinen ausgesprochen. Über ihre Gründe wurde nichts bekannt, die Gespräche mit ihnen wurden im Stadtrat hinter verschlossenen Türen geführt. Ein Hauseigentümer in Neuss hat sich über Stolpersteine vor seiner Tür gewehrt, angeblich hätten ständig Schaulustige vor dem Haus gestanden, wovon er sich gestört fühlte. Er hatte sich an den Neusser Beschwerdeausschuss gewandt, der seine Forderung, die Steine zu entfernen, allerdings ablehnte.

„Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie viele Steine wo und wann beschädigt oder herausgerissen wurden“, sagt Karin Reichert, die mit Gunter Demnig zusammenarbeitet. Sie erinnert sich an einen Fall in Greifswald im November 2012. Damals hebelten Unbekannte in der Nacht zum Gedenktag an die Reichspogromnacht sämtliche Stolpersteine aus dem Pflaster. Nach der Tat hatten Greifswalder auf Initiative der Evangelischen Studentengemeinde rund 7800 Euro gespendet – das war weit mehr Geld als die 1300 Euro, die für den Ersatz notwendig waren. Katrin Reichert sagt, dass es so meistens läuft. „In Greifswald können heute noch neue Steine von dem Geld verlegt werden“, sagt sie. Neonazis erreichten also genau das Gegenteil von dem, was sie mit ihren Aktionen anrichten wollten. „Nach jedem Fall rücken die Stolpersteine erneut in das Interesse der Gesellschaft – die Empörung ist jedes Mal groß“, sagt sie.

Demnig hat schon viele Preise für sein Projekt bekommen, unter anderem den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Kritisiert wurden die Stolpersteine bereits mehrfach von Charlotte Knobloch, der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die jüdischen Opfer würden erneut mit Füßen getreten, weil Menschen achtlos über die Steine hinweggehen oder auf sie treten würden, sagte sie. Demnig sieht das anders, er sagte vor einigen Jahren dazu: „Wer sich bückt, um die Inschrift der Stolpersteine zu lesen, verbeugt sich vor den Opfern.“