Mörderisches Nordlicht

Mörderisches Nordlicht

Wer noch den passenden Urlaubskrimi sucht: Klaus-Peter Wolfs düsterer Thriller „Ostfriesenmoor“ ist dafür genau das Richtige. Vom Start weg verkaufte sich der 500-Seiten-Wälzer schon 200 000 Mal.

Klaus-Peter Wolf ist dieser Tage auf Wangerooge unterwegs. Das dürfte mörderisch enden. Nicht für den Schriftsteller, auch nicht für Bewohner und Touristen der ostfriesischen Insel. Aber Wolf, wie Eifelkrimi-König Jacques Berndorf einer der raren Auflagen-Millionäre unter den deutschen Hochspannungsdichtern, wird auch auf dieser Insel eine Leiche hinterlassen. Literarisch - versteht sich.

Als der "Tatort"- und "Polizeiruf"-Drehbuchroutinier vor ein paar Jahren vom Ruhrgebiet ins Nordseestädtchen Norden übersiedelte, machte er sich eher aus einer Laune heraus an einen Regionalkrimi. Gleich der Erstling aber, "Ostfriesenkiller" von 2007, schlug ein. Was Wolf als Herausforderung nahm. Und versprach: "Ich werde auf jede Insel eine Leiche legen." Da es sieben ostfriesische Eilande im Wattenmeer sind, waren schon mal sieben Romane sicher. Bei Nummer sieben, "Ostfriesenmoor", ist Wolf mittlerweile angelangt. Und wenige Wochen nach dem Start des 500-Seiten-Wälzers sind bereits 200 000 Stück verkauft.

Doch ein Spannungs-Topseller ausgerechnet von jenem Landstrich, in dem sich die stoischen Ureinwohner bestenfalls durch Schummeleien bei Schlickrutsch-Wettbewerben aus der Ruhe bringen lassen? Nun, Wolf hat gerade in der vermeintlichen Idylle des Lands vor und hinterm Deich den idealen, weil unerwartet und damit spannungsfördernden Schauplatz für abgründige Verbrechen ausgemacht.

In "Ostfriesenmoor" ist es nun die "perfekt" hergerichtete Leiche eines toten Mädchens, das die Auricher Kriminalpolizei fordert. Ausgestopft wie ein Tierpräparat wirkt das Kind. Da denkt man sofort an die Thriller skandinavischer Vielschreiber, die sich in einer Spirale immer extremerer Grausamkeiten verkaufsfördernd überbieten. Doch Wolf zieht die Spannung nicht aus blutigen Details. Er interessiert sich vor allem für Motive, Beweggründe, die Menschen zu Tätern wie zu Opfer werden lassen. So verbindet sich der Fall um die Moorleiche mit dem zweiten Fall eines entführten Kindes. Wird es zum weiteren Opfer für den Mörder, der Kinder ausstopft? Oder offenbart sich da "nur" die Spitze eines Familiendramas, bei dem einstige Liebe nun im blanken Hass gipfelt, sich Vater, Mutter und neue Lebenspartner auf dem Rücken der Kinder bekriegen?

Wie in seinen vorigen Romanen setzt der 59-Jährige auch diesmal auf seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Ihr Privatleben, ihre Nöte, die erkrankte Mutter der Pflege anderer zu überlassen, sind ebenso konstitutiv für diesen Roman wie die Mörderjagd. Wolf, der einst DKP-Mitglied war, der Partei aber 1987 den Rücken kehrte, schreibt unverkennbar stets mit sozialem Gewissen. Ohne dass sich dies aber in den Vordergrund drängte. So ist "Ostfriesenmoor" ein ungemein fesselnder Krimi, aber eben auch ein eindringliches Buch über die zerrissene Zeit, in der wir leben.

Übrigens: Sieben Inseln, sieben Krimis - nach dieser Rechnung hätte Wolf eigentlich nun seine Ostfriesland-Reihe abschließen müssen. Doch er "mordet" zum Leserglück auch auf dem Festland. Für Frühjahr 2014 ist bereits "Ostfriesenfeuer" avisiert.

Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenmoor, 508 S., Fischer, 9,99 Euro.