Möbelkonzern wird Hotel-Designer

Möbelkonzern wird Hotel-Designer

Viele Unternehmen legen die Scheuklappen ab und schauen, ob sich links und rechts von ihrem Kerngeschäft neue Möglichkeiten auftun. Das ergab eine Studie des Handelsinstituts an der Saar-Universität.

Lange Jahre galt es bei Konzernlenkern als der Weisheit letzter Schluss, Unternehmensgruppen breit aufzustellen, um gegen konjunkturelle Schwankungen gefeit zu sein. Dann hieß es wieder "Schuster, bleib' bei deinem Leisten", Konzentration auf die Kernkompetenz war angesagt.

Inzwischen gibt es einen neuen Trend. "Heute erweitern Unternehmen ihr Kerngeschäft und erschließen sich damit neue Märkte", sagt Professor Joachim Zentes, Direktor des Instituts für Handel und Internationales Marketing (Hima) an der Universität des Saarlandes. In einer neuen Studie ("Geschäftsmodell Evolution: Unternehmensentwicklung als Dynamisierung von Kernkompetenzen") zeigen Zentes und die Mitautorinnen Ruth Steinhauer und Victoria Lonnes, wohin hier die Reise geht.

Bei ihren Recherchen sind sie auf zahlreiche Beispiele gestoßen. "Luxusmode-Designer wie Armani und Missoni haben das Geschäftsfeld Möbeldesign erschlossen und wollen in einem zweiten Schritt Luxushotels gestalten und betreiben", schreiben sie.

Andere Luxusmarken wie Gucci, Trussardi oder Roberto Cavalli setzen auf die gehobene Gastronomie. Auch der Möbelkonzern Ikea ist auf diesem Gebiet sehr erfinderisch, heißt es in der Studie. So bauen die Schweden über eine Schwesterfirma (Inter Ikea) inzwischen Studentenwohnheime unter dem Namen "Ulito", die sie mit ihren Möbeln bestücken. Die Möbelhaus-Kette will darüber hinaus unter der Marke Moxy Designhotels auf der Preiswert-Ebene hochziehen. Markeninhaber soll der Hotelkonzern Marriot werden. Die Ikea-Immobilientochter Inter Hospitality entwickelt und ist Eigentümer, die Firma Nordic Hospitality (Norwegen) ist Betreiber der Hotels. Anfang 2014 sollen die ersten Herbergen eröffnet werden. Seit einigen Jahren hat das Unternehmen auch Fertighäuser im Programm.

Einige Geschäftsmodelle haben sich die Autoren der Studie genauer angesehen. So setzt der Daimler-Konzern nicht mehr allein auf den Autobau, sondern konzentriert sich auf die Mobilität als zentrale Kompetenz. Inzwischen hat Daimler das Carsharing-Modell "car2go" entwickelt. Dieser Verbund stellt in rund 20 Städten flächendeckend Fahrzeuge bereit. Sie werden mittlerweile von etwa 350 000 Kunden genutzt. "Das bisherige Kerngeschäft Autobau wird damit sinnvoll ergänzt", sagt Zentes. Auch das Logistikunternehmen BLG (Bremen), das auf den weltweiten See-Transport von Autos spezialisiert ist, "hat seine Kompetenz um benachbarte Geschäftsfelder erweitert", erläutert Ruth Steinhauer. Die Logistiker veredeln inzwischen die Autos von 18 Herstellern. Das beginnt mit Reinigung und Inspektion der Wagen nach einer langen Schiffsreise und umfasst inzwischen auch die Leder-Polsterungen, Sonderlackierungen oder den Einbau von Klima-Anlagen oder Navigationssystemen.

Firmen, die ihr Kerngeschäft erweitern wollen, "müssen eine offene, innovationsfördernde Unternehmenskultur pflegen", sind die Autoren überzeugt. Dazu gehörten "Eigenverantwortung und große Handlungsspielräume für die Mitarbeiter, wobei auch Fehler verziehen werden sollten".

An das neue Geschäftsmodell "muss man sich außerdem herantasten und flexibel reagieren, wenn Märkte und Prognosen sich verändern", schreiben die Autoren den Firmen ins Stammbuch, die das Experiment wagen wollen. Grundsätzlich sei niemand daran gehindert, solche Wege zu gehen.

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