"Menschlicher" zum neuen JobArbeitslosigkeit steigt weniger stark

"Menschlicher" zum neuen JobArbeitslosigkeit steigt weniger stark

Saarbrücken. Die Erleichterung steht Natalja Müller ins Gesicht geschrieben. Seit vier Monaten hat die Bürokauffrau Arbeit - eine unbefristete Stelle bei der STK Gesellschaft für Stanztechnik in Neunkirchen

Saarbrücken. Die Erleichterung steht Natalja Müller ins Gesicht geschrieben. Seit vier Monaten hat die Bürokauffrau Arbeit - eine unbefristete Stelle bei der STK Gesellschaft für Stanztechnik in Neunkirchen. Die 39-Jährige aus Heusweiler gehört zu den 72 der insgesamt 415 Teilnehmer des Modellprojekts Primus, die es geschafft haben: als Hartz-IV-Empfänger mit schlechten Jobchancen schließlich doch auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und eine unbefristete Stelle zu ergattern. Rechnet man diejenigen hinzu, die einen befristeten Vertrag erhalten haben, sind es nach Angaben der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit 112 Projekt-Teilnehmer, die einen Arbeitsplatz gefunden haben. Die Erfolge bei der Integration lägen damit deutlich höher als bei der üblichen Betreuung, sagt Heidrun Schulz, Leiterin der Regionaldirektion. Unter Alleinerziehenden und Paaren mit Kindern sei der Anteil derer, die es geschafft haben, besonders hoch.Nach Abschluss ihrer Ausbildung vor drei Jahren suchte Natalja Müller lange vergeblich Arbeit. Ihre Familiensituation wurde zum Hauptmanko. "Ich habe vier Kinder und bin alleinerziehend. Ich habe nur Absagen bekommen", sagt sie. 111 Absagen und unbeantwortete Bewerbungen hat sie gezählt, nicht eingerechnet die etwa 40 erfolglosen Online-Bewerbungen. Manch Arbeitgeber mag ihr auch angekreidet haben, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Sie kam vor 15 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland.

Das Anfang 2010 gestartete und auf zwei Jahre angelegte Projekt des Jobcenters Saarbrücken richtete sich an Langzeitarbeitslose zwischen 25 und 48 Jahren, die mindestens zwei sogenannte Vermittlungshemmnisse aufweisen: zum Beispiel, dass jemand alleinerziehend ist wie Natalja Müller, keine Kinderbetreuung findet, gesundheitliche Probleme hat, sich mit hohen Schulden herumschlägt oder keine Ausbildung vorweisen kann. Mehr Zeit als die anderen Kollegen im Jobcenter sollten die Betreuer für die Betroffenen haben; und die Hilfebedürftigen sollten - bei freiwilliger Teilnahme - umfassend ihre Probleme offenlegen. "Es geht um die gesamten Lebensumstände, nicht nur um Arbeitsvermittlung", sagt Wilfried Hose, Geschäftsführer des Jobcenters Saarbrücken. Auf einen Vermittler kamen etwa 40 Langzeitarbeitslose; der gesetzlichen Vorgabe nach kümmert sich ein Betreuer um bis zu 150 Hilfebedürftige.

Was der Unterschied zwischen 40 und 150 bedeutet, bringt Natalja Müller auf den Punkt: "Es ist viel menschlicher. Jedes Mal, wenn ich etwas gebraucht habe, konnte ich dorthin kommen." Und sie kam oft. Etwa wenn sie wieder mal "total frustriert" war, weil erneut eine Absage im Briefkasten lag. Mut zugesprochen zu bekommen, war für sie besonders wichtig. "Ich habe Glück gehabt", sagt die 39-Jährige, auch wenn sie trotz Arbeitsplatz nicht ohne zusätzliche Hartz-IV-Unterstützung auskommt. Für das Projekt Primus findet sie nur lobende Worte: "Ich hoffe, dass andere Leute das auch erleben können."

Die Göttinger Wissenschaftler vom Soziologischen Forschungsinstitut und vom Verein Zoom, die Primus ausgewertet haben, kommen zum gleichen Ergebnis: "Das Projekt hat gezeigt, dass auch mit Arbeitslosen, deren Integrationsprognosen ungünstig sind, erfolgreich vermittlungsorientiert gearbeitet werden kann."

Primus soll daher weitergehen. Die Normalbetreuung des Jobcenters soll so verändert werden, dass die Betreuer stärker als bisher die gesamte Lebenssituation in den Blick nehmen, erläutert Wilfried Hose. Daneben wird ein Primus 2 aufgelegt, wieder auf zwei Jahre, "mit Schwerpunkt in Saarbrücken-Burbach". Die Betreuer sollen sich speziell um Hilfebedürftige kümmern, die seit mehr als sieben Jahren Hartz IV beziehungsweise Sozialhilfe beziehen und Kinder im Alter zwischen neun und 15 Jahren haben. Hier soll eine intensive Betreuung dazu führen, dass sich insbesondere für die Kinder Perspektiven eröffnen, aus der Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung herauszukommen. Saarbrücken/Nürnberg. Der Arbeitsmarkt im Saarland hat sich im Januar weiter robust gezeigt. Zwar ist die Zahl der Arbeitslosen saisonbedingt deutlich gestiegen. Insgesamt waren im Januar 34 800 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet, 8,5 Prozent mehr als im Dezember, berichtete gestern die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. "Der Anstieg liegt aber unter dem Zehn-Jahres-Schnitt", sagte Heidrun Schulz, die Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland. Es seien nur 2700 Arbeitslose mehr statt 3000 wie im langjährigen Durchschnitt. Deshalb gebe es auch keinen Grund, die Zunahme der Arbeitslosigkeit mit konjunkturellen Schwächen zu erklären. Im Gegenteil deutet nach Einschätzung von Schulz "alles auf eine sehr gute Arbeitsmarktentwicklung in diesem Jahr hin".

So sind im Vergleich zum Vorjahresmonat deutlich weniger Menschen im Saarland ohne Job. Ihre Zahl sank um 3900. Auch die Zahl der sogenannten Unterbeschäftigten - also neben den registrierten Arbeitslosen unter anderem die Teilnehmer an Förderprogrammen - sind nach Angaben der Agentur zurückgegangen - um 8,1 Prozent auf knapp 50 000. Positiv bewertet Schulz auch die Zahlen zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Nach den aktuellsten Zahlen vom November waren im Saarland rund 367 200 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 2,5 Prozent mehr als vor Jahresfrist.

Die Entwicklung im Bund verlief ähnlich wie im Saarland. Die Zahl der Erwerbslosen stieg im Januar verglichen mit dem Vormonat um 302 000 auf 3,082 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Die Drei-Millionen-Marke wurde zwar erstmals seit neun Monaten überschritten, doch weist die Agentur die niedrigste Januar-Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren aus. mzt/dpa

Mehr von Saarbrücker Zeitung