Mehr Licht!

Mehr Licht!

Das zehnte Album der schottischen Band Primal Scream ist eine bunte Wundertüte. „More light“ verbindet Rock mit Experiment, und über allem schwebt der Nebel des Psychedelischen.

Gut, dass es sie noch gibt - und auch überraschend, bedenkt man den zeitweise ausufernden Umgang der Musiker mit Drogen. Die schottische Band Primal Scream gibt es nun seit über 30 Jahren, sie hat viele Umbesetzungen überstanden und auch die Launen des Zeitgeistes - wahrscheinlich, weil sie sich um diese nicht gekümmert hat, sondern immer in ihrer eigenen Welt vor sich hingearbeitet hat. Und das, was dabei entstand, fand eben mal mehr, mal weniger Zustimmung. Eine ihrer größten Stunden ist das 1991er Album "Screamadelica", eine famose Fusion aus psychedelisch unterfüttertem Rock und Tanzrhythmen, aus Sechziger-Jahre-Tradition und lässiger Pop-Moderne.

Mit diesem klassischen Album ging die Band um Sänger und Hauptkomponist Bobby Gillespie 2011 noch einmal auf Tournee - ein Schritt, der stets den Verdacht auf Stagnation aufkommen lässt. Wie auch immer - die Konzertreise mit einem ihrer dynamischsten Aufnahmen scheint die sich anschließende Arbeit im Studio am zehnten Album ungemein beflügelt zu haben: "More light" ist eine vollgepackte Wundertüte der Stil-Spiele, ein souveränes Album, das vor Selbstbewusstsein strotzt - der Auftakt "2013" ist da schon programmatisch: knapp neun Minuten lang, beginnt es mit monoton sich wiederholenden Bläsern, als habe Philip Glass mit ein bisschen Minimal Music vorbeigeschaut; dann schwingt sich das Stück mit leicht quäkigen Saxophonen in eine arabisch anmutende Melodie hinauf (und das ist bloß die erste Minute). Im Anschluss mutiert das Stück zum Rocker mit Soul-Aroma und flirrenden Gitarren - man kann sich das bestens auf der Bühne vorstellen. So viel Gebläse gab es bei der Band bisher nicht, sie nutzt Saxophone immer wieder für schräge Einlagen, die bisweilen in Richtung Free Jazz gehen.

Zwischendurch schweben Streicherpassagen wie aus einem alten Hollywoodmelodram ein, Gillespie nimmt stimmlich Druck zurück und verlegt sich aufs Flüstern und Raunen. Nur manchmal verirrt sich die Band im Bluesrock, der melodisch allzu erwartbar vor sich hinschlurft - seltene Längen auf einem ansonsten sehr guten Album, dessen Experimente nie gewollt, immer organisch wirken. Der Albumtitel hat dabei nichts mit Goethes letztem Lebenssatz zu tun - Gillespie ist schlicht lichtempfindlich.

Primal Scream: More light (Ignition/Indigo). Das Album erscheint am Freitag.