„Man hofft doch immer auf ein Wunder“

„Man hofft doch immer auf ein Wunder“

Herr Geißendörfer, Sie erhalten heute den Ehrenpreis eines Festivals, das sich dem Nachwuchs widmet. Wie geht es dem heute? Hat er es einfacher oder schwerer als zum Beispiel Sie damals? Geißendörfer: Beides. Leichter ist es, weil die Vielfalt der Finanzierung gewachsen ist, es gibt mehr Fördertöpfe. Aber es ist auch schwerer, weil es zu viel Konkurrenz gibt. Jedes Jahr machen 140 Regisseure und das Doppelte an Drehbuchautoren ihren Abschluss, das ist viel für den kleinen Markt. Viele Absolventen werden Taxifahrer. Bilden wir also zu viel aus? Geißendörfer: Das kann ich als 68er, der dafür gekämpft hat, dass die Film-Akademien aufgebaut wurden, schlecht sagen. Was mich bei den jungen Leuten aber enttäuscht, ist, dass sie sehr anpassungsfähig sind - sie gehen schnell Kompromisse ein, um ihre Finanzierung zu bekommen. Das war bei uns anders. Wir haben uns eingebildet, dass wir etwas zu sagen haben, und wollten nicht auf irgendwelche Gremien hören. Den jungen Leuten heute kommt es vor allem darauf an, einen Film zu machen - egal, ob Komödie oder Horrorfilm. Das Gewagte, das Experimentelle gibt es zwar noch, aber es wird immer weniger versucht. Müssten die Fördergremien mehr Mut bei der Vergabe ihrer Mittel zeigen und Eigenwilliges stärker unterstützen? Geißendörfer: Das wäre natürlich wunderbar. Aber die Gremien sind immer stolz, wenn sie ihr Fördergeld wieder zurückgezahlt bekommen, was nur passiert, wenn der Film lukrativ ist - deshalb schauen sie vor allem auf die Kommerzialität. Aber muss etwa ein Til-Schweiger-Film gefördert werden? Er kann seine Projekte wohl auch so finanzieren. Geißendörfer: Diese Logik würde ich teilen, aber sie ist den Förderern wahrscheinlich nicht so nahe gekommen. Kritischer sehe ich bei der Förderung aber etwas anderes: Dass nämlich auch Fernsehfilme der öffentlich-rechtlichen Sender Förderung erhalten, Produktionen von ARD und ZDF , die sich über Gebühren finanzieren. Die Förderung für deren TV-Filme sollte für das Experiment, den wagemutigen ersten oder zweiten Film, ausgegeben werden. Was sagen Sie zu dem kolossalen Erfolg eines deutschen Films wie "Fack ju Göhte"? Geißendörfer: Ich freue mich, kann die Spötter überhaupt nicht verstehen. Der Film basiert auf einem ausgezeichneten Drehbuch und ist ungeheuer gut gelaunt umgesetzt. Ich habe "Fack ju Göhte" zwei Mal gesehen und mich köstlich amüsiert. Unterhaltung ist nicht einfach, das muss man schon können. Davor habe ich höchsten Respekt - auch vor dem, was Til Schweiger macht. Verstehen Sie den weit verbreiteten Kritikerhass auf ihn? Geißendörfer: Nein. Kunst und Kommerz gleichberechtigt zu beurteilen, fällt in Deutschland besonders schwer - anders als im Rest von Europa. Der Til leidet sehr unter dieser Missachtung, die ich total arrogant finde. Er hat einen Riesenriecher für Stoffe, die ankommen. "Honig im Kopf" werde ich mir anschauen, auch weil ich wissen will, was die Leute daran so mögen - ich mache schließlich "Lindenstraße ", ich will ja auch viele Zuschauer. War die "Lindenstraße " für Sie von jeher auch eine Möglichkeit, aktuelle Themen und Probleme einem möglichst großen Publikum nahe zu bringen? Klar. Meine Kinofilme in den 70ern und 80ern waren, mit der Ausnahme vom "Zauberberg", nie so erfolgreich, dass man zufrieden sein kann, wenn man glaubt, etwas zu sagen zu haben. Die "Lindenstraße " soll das aktuelle Leben in Deutschland spiegeln. Die Themen, die heute in den Köpfen sind - die Angst vor dem Fremden, vor dem Islam, das Missverständnis über diese Religions-Reibereien - haben wir zum Beispiel seit einem halben Jahr in der Serie. Es geht um den Bau einer Moschee, um die Pläne und die Widerstände. Solche Themen anpacken zu können, ist schon ein Geschenk des Senders - die ARD könnte auch sagen: "Geißendörfer, wenn du eine Moschee baust, sind die Quoten in Gefahr. Mach lieber Liebesgeschichten." Wie tagesaktuell können Sie in der "Lindenstraße " sein? Geißendörfer: Wir können bis zum Freitag vor der Sendung am Sonntag noch etwas Aktuelles einbauen - wie jetzt den Anschlag von Paris. Manchmal merkt man da auch den Zeigefinger, aber in der Regel passt es schon. Es zeichnet "Die Lindenstraße " aus, dass sie lebt und folglich auch auf aktuelle Geschehnisse reagiert. Wenn Sie einen wenig kommerziellen Kinofilm wie "Schneeland" drehen, der 2005 das Ophüls-Festival eröffnet hat, dann ist eigentlich schon vorher klar, dass den im Kino weniger Leute sehen werden als eine Folge der "Lindenstraße ". Frustriert Sie das? Oder nimmt man das als gegeben hin? Geißendörfer: Jein. Man hofft doch immer auf ein Wunder. Sonst würde ich ja keine Filme machen. Ich denke immer ans Publikum, für mich allein mache ich so einen Film nicht. Nur wenn mich etwas interessiert, gebe ich auch Geld dafür aus. Das haben Sie auch als Produzent getan für den thailändischen Film "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben", der 2010 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat. Wie kam es zu diesem Projekt? Ich habe ja, was viele nicht wissen, seit Jahren auch in England eine Produktionsfirma, mit der ich ein Dutzend Filme hergestellt habe. Ein englischer Produzent hat mich wegen "Boonme" kontaktiert und meinte, ich könnte bei der Finanzierung mithelfen. Dann habe ich den Regisseur Apichatpong Weerasethakul getroffen, den wir alle Joey nennen, weil seinen Namen niemand aussprechen kann, und mich am Film beteiligt. Auch an seinem ganz neuen. Das ist das große Glück, wenn man auch Produzent ist, dass man Künstler trifft, für die man wahnsinnig gerne ein Risiko eingeht. Wie hoch ist so ein Risiko? Geißendörfer: Wenn der Film die Goldene Palme nicht gewonnen hätte, hätten wir unser Geld wohl verloren. Durch den Preis hat sich der Film in 77 Länder verkauft. Die Goldene Palme ist ein gut gefülltes Scheckbuch. Anders als die saarländische Filmförderung, die jährlich gerade mal um die 70 000 Euro vergeben kann. Was würden Sie den hiesigen Filmemachern raten - auswandern? Geißendörfer: Nein, es gibt ja auch Filmförderungen wie die FFA, die nicht lokal gebunden ist und an die man sich wenden kann. Für Spielfilme ist das Saarland-Geld natürlich zu wenig, ich würde mit diesen Mitteln systematisch den Kurzfilm fördern. Nicht, weil das so ein großartiges Format wäre, aber mit 70 000 Euro können sie zehn Kurzfilme drehen. Und die zehn Regisseure können damit ihre Visitenkarte herstellen und beweisen, was sie können, ob sie mit Schauspielern umgehen und eine Geschichte erzählen können. Oder die Jungregisseure drehen eine Art Trailer für den Langfilm, den sie finanziert haben wollen, mit vielleicht einer wichtigen Szene, mit ersten Schauplätzen aus dem Film - das machen wir in England auch so, auch Cannes-Gewinner Apichatpong Weerasethakul macht das. Dann kann man Produzenten und Gremien mehr bieten als nur ein Papier.

Herr Geißendörfer, Sie erhalten heute den Ehrenpreis eines Festivals, das sich dem Nachwuchs widmet. Wie geht es dem heute? Hat er es einfacher oder schwerer als zum Beispiel Sie damals?

Geißendörfer: Beides. Leichter ist es, weil die Vielfalt der Finanzierung gewachsen ist, es gibt mehr Fördertöpfe. Aber es ist auch schwerer, weil es zu viel Konkurrenz gibt. Jedes Jahr machen 140 Regisseure und das Doppelte an Drehbuchautoren ihren Abschluss, das ist viel für den kleinen Markt. Viele Absolventen werden Taxifahrer.

Bilden wir also zu viel aus?

Geißendörfer: Das kann ich als 68er, der dafür gekämpft hat, dass die Film-Akademien aufgebaut wurden, schlecht sagen. Was mich bei den jungen Leuten aber enttäuscht, ist, dass sie sehr anpassungsfähig sind - sie gehen schnell Kompromisse ein, um ihre Finanzierung zu bekommen. Das war bei uns anders. Wir haben uns eingebildet, dass wir etwas zu sagen haben, und wollten nicht auf irgendwelche Gremien hören. Den jungen Leuten heute kommt es vor allem darauf an, einen Film zu machen - egal, ob Komödie oder Horrorfilm. Das Gewagte, das Experimentelle gibt es zwar noch, aber es wird immer weniger versucht.

Müssten die Fördergremien mehr Mut bei der Vergabe ihrer Mittel zeigen und Eigenwilliges stärker unterstützen?

Geißendörfer: Das wäre natürlich wunderbar. Aber die Gremien sind immer stolz, wenn sie ihr Fördergeld wieder zurückgezahlt bekommen, was nur passiert, wenn der Film lukrativ ist - deshalb schauen sie vor allem auf die Kommerzialität.

Aber muss etwa ein Til-Schweiger-Film gefördert werden? Er kann seine Projekte wohl auch so finanzieren.

Geißendörfer: Diese Logik würde ich teilen, aber sie ist den Förderern wahrscheinlich nicht so nahe gekommen. Kritischer sehe ich bei der Förderung aber etwas anderes: Dass nämlich auch Fernsehfilme der öffentlich-rechtlichen Sender Förderung erhalten, Produktionen von ARD und ZDF , die sich über Gebühren finanzieren. Die Förderung für deren TV-Filme sollte für das Experiment, den wagemutigen ersten oder zweiten Film, ausgegeben werden.

Was sagen Sie zu dem kolossalen Erfolg eines deutschen Films wie "Fack ju Göhte"?

Geißendörfer: Ich freue mich, kann die Spötter überhaupt nicht verstehen. Der Film basiert auf einem ausgezeichneten Drehbuch und ist ungeheuer gut gelaunt umgesetzt. Ich habe "Fack ju Göhte" zwei Mal gesehen und mich köstlich amüsiert. Unterhaltung ist nicht einfach, das muss man schon können. Davor habe ich höchsten Respekt - auch vor dem, was Til Schweiger macht.

Verstehen Sie den weit verbreiteten Kritikerhass auf ihn?

Geißendörfer: Nein. Kunst und Kommerz gleichberechtigt zu beurteilen, fällt in Deutschland besonders schwer - anders als im Rest von Europa. Der Til leidet sehr unter dieser Missachtung, die ich total arrogant finde. Er hat einen Riesenriecher für Stoffe, die ankommen. "Honig im Kopf" werde ich mir anschauen, auch weil ich wissen will, was die Leute daran so mögen - ich mache schließlich "Lindenstraße ", ich will ja auch viele Zuschauer.

War die "Lindenstraße " für Sie von jeher auch eine Möglichkeit, aktuelle Themen und Probleme einem möglichst großen Publikum nahe zu bringen?

Klar. Meine Kinofilme in den 70ern und 80ern waren, mit der Ausnahme vom "Zauberberg", nie so erfolgreich, dass man zufrieden sein kann, wenn man glaubt, etwas zu sagen zu haben. Die "Lindenstraße " soll das aktuelle Leben in Deutschland spiegeln. Die Themen, die heute in den Köpfen sind - die Angst vor dem Fremden, vor dem Islam, das Missverständnis über diese Religions-Reibereien - haben wir zum Beispiel seit einem halben Jahr in der Serie. Es geht um den Bau einer Moschee, um die Pläne und die Widerstände. Solche Themen anpacken zu können, ist schon ein Geschenk des Senders - die ARD könnte auch sagen: "Geißendörfer, wenn du eine Moschee baust, sind die Quoten in Gefahr. Mach lieber Liebesgeschichten."

Wie tagesaktuell können Sie in der "Lindenstraße " sein?

Geißendörfer: Wir können bis zum Freitag vor der Sendung am Sonntag noch etwas Aktuelles einbauen - wie jetzt den Anschlag von Paris. Manchmal merkt man da auch den Zeigefinger, aber in der Regel passt es schon. Es zeichnet "Die Lindenstraße " aus, dass sie lebt und folglich auch auf aktuelle Geschehnisse reagiert.

Wenn Sie einen wenig kommerziellen Kinofilm wie "Schneeland" drehen, der 2005 das Ophüls-Festival eröffnet hat, dann ist eigentlich schon vorher klar, dass den im Kino weniger Leute sehen werden als eine Folge der "Lindenstraße ". Frustriert Sie das? Oder nimmt man das als gegeben hin?

Geißendörfer: Jein. Man hofft doch immer auf ein Wunder. Sonst würde ich ja keine Filme machen. Ich denke immer ans Publikum, für mich allein mache ich so einen Film nicht. Nur wenn mich etwas interessiert, gebe ich auch Geld dafür aus.

Das haben Sie auch als Produzent getan für den thailändischen Film "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben", der 2010 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat. Wie kam es zu diesem Projekt?

Ich habe ja, was viele nicht wissen, seit Jahren auch in England eine Produktionsfirma, mit der ich ein Dutzend Filme hergestellt habe. Ein englischer Produzent hat mich wegen "Boonme" kontaktiert und meinte, ich könnte bei der Finanzierung mithelfen. Dann habe ich den Regisseur Apichatpong Weerasethakul getroffen, den wir alle Joey nennen, weil seinen Namen niemand aussprechen kann, und mich am Film beteiligt. Auch an seinem ganz neuen. Das ist das große Glück, wenn man auch Produzent ist, dass man Künstler trifft, für die man wahnsinnig gerne ein Risiko eingeht.

Wie hoch ist so ein Risiko?

Geißendörfer: Wenn der Film die Goldene Palme nicht gewonnen hätte, hätten wir unser Geld wohl verloren. Durch den Preis hat sich der Film in 77 Länder verkauft. Die Goldene Palme ist ein gut gefülltes Scheckbuch.

Anders als die saarländische Filmförderung, die jährlich gerade mal um die 70 000 Euro vergeben kann. Was würden Sie den hiesigen Filmemachern raten - auswandern?

Geißendörfer: Nein, es gibt ja auch Filmförderungen wie die FFA, die nicht lokal gebunden ist und an die man sich wenden kann. Für Spielfilme ist das Saarland-Geld natürlich zu wenig, ich würde mit diesen Mitteln systematisch den Kurzfilm fördern. Nicht, weil das so ein großartiges Format wäre, aber mit 70 000 Euro können sie zehn Kurzfilme drehen. Und die zehn Regisseure können damit ihre Visitenkarte herstellen und beweisen, was sie können, ob sie mit Schauspielern umgehen und eine Geschichte erzählen können. Oder die Jungregisseure drehen eine Art Trailer für den Langfilm, den sie finanziert haben wollen, mit vielleicht einer wichtigen Szene, mit ersten Schauplätzen aus dem Film - das machen wir in England auch so, auch Cannes-Gewinner Apichatpong Weerasethakul macht das. Dann kann man Produzenten und Gremien mehr bieten als nur ein Papier.

Zum Thema:

Zur PersonHans W. Geißendörfer (das W. steht für Wilhelm), 1941 in Augsburg geboren, studiert in den 60ern Theaterwissenschaften, Germanistik, Psychologie und afrikanische Sprachen. In dieser Zeit versucht er sich am Studententheater und an ersten Kurzfilmen. 1969 ist "Der Fall Lena Christ" sein erster (TV-)Film. "Die gläserne Zelle" wird 1979 für den Auslands-Oscar nominiert, 1982 entsteht "Der Zauberberg". 1985 hebt Geißendörfer die "Lindenstraße " aus der Taufe: 1993 wird sein Kinofilm "Justiz" für einen "Golden Globe" nominiert, 2005 eröffnet "Schneeland" das Ophüls-Festival. Mit seiner "geißendörfer film- & fernsehproduktion" hat er unter anderem den Ophüls-Siegerfilm "Selbstgespräch" (2008) auf den Weg gebracht und jüngst den Afghanistanfilm "Zwischen Welten", der 2014 im Wettbewerb der Berlinale lief. red