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Mal Freund, mal Feind

Der Empfang für Recep Tayyip Erdogan beim russischen Präsidenten in St. Petersburg fiel gestern nicht sonderlich freundlich aus. Zunächst jedenfalls nicht. Kremlchef Wladimir Putin verspätete sich zwar nicht - wie sonst üblich. Doch hatte er weder ein Lächeln noch ein paar lockere Worte für den Gast aus Ankara übrig. Klaus-Helge Donath

Erdogan hatte um den Besuch gebeten. Er war es auch, der in der Lesart Putins Abbitte zu leisten hat. Im November schossen Türken einen russischen Kampfjet vom Himmel. Danach setzte eine Spirale aus Sanktionen, Beleidigungen und Drohungen ein, die in der Politik ihresgleichen sucht. Erdogan hat die Bestrafung über sich ergehen lassen. Die Machtfrage im Verhältnis der beiden ist geklärt. Die ökonomische Agenda kann wieder in Angriff genommen werden.



Denn eigentlich verstehen sich die beiden. Sie sind Verschwörungstheoretiker, sehen immer im Westen den Schuldigen. Nie tragen sie auch nur Mitschuld. Man gibt sich gekränkt und beleidigt, weil die Mechanismen der internationalen Politik nicht auf ihre Ängste, Narzissmen und Wahnvorstellungen Rücksicht nehmen. Putin wird sicherlich nichts unversucht lassen, Erdogan für Russlands Anliegen zu agitieren. Auch wenn es unterschiedliche Interessen in Syrien gibt. Als oberstes Ziel mag der Kreml mit dem Gedanken spielen, die Türkei eines Tages in die von Moskau dominierte Eurasische Wirtschaftsunion aufzunehmen.

Sollte das nicht klappen, wäre auch nicht viel verloren. Moskau hat es vor allem darauf abgesehen, im Westen Unruhe und Chaos zu stiften. Verunsicherung ist Russlands Ziel und Methode. Damit erpresst es den kenntnisarmen Westen, der die Eurasische Union für ein EU-Modell halten mag. Erdogan weiß es besser, auch wenn die EU für ihn noch in weiter Ferne liegt. Allein die Vergünstigungen der EU-Zollunion sind ein Vielfaches dessen, was das schwache Russland wirtschaftlich anzubieten hätte. Putin wird auch gegen die Nato stänkern und Erdogan bei der Ehre packen. Dieser ahnt aber wohl, dass er außerhalb der Nato einem militärisch skrupellosen Russland in Syrien und dem Nahen Osten nicht gewachsen wäre. Die strategischen Interessen decken sich einfach nicht.

Zwar sind Putin und Erdogan jetzt angeblich wieder Freunde - der türkische Präsident betonte dies gestern mehrfach. Um das zu erreichen, musste er sich jedoch unterwerfen. Das vergisst die Straße nicht, auch Putin weiß das. Der Kremlchef konnte einfach nicht über seinen Schatten springen. So bleibt der Türke ein unsicherer Kantonist, der morgen schon wieder als Feind herhalten könnte. Man schlägt sich und verträgt sich. Russland wird Erdogan daher nicht als zuverlässigen Langzeitpartner einplanen. Als antiwestliche Aushilfskraft bleibt er aber willkommen.