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„Sie war ein herzensguter Mensch“

Hildegard Georgi
Hildegard Georgi FOTO: privat
Heusweiler. Hildegard Georgi Dieter Gräbner

Am 20. Mai erreichte mich ein Brief. Günter Georgi aus Niedersalbach schickte mir die Traueranzeige um seine Ehefrau Hildegard Georgi, geb. am 11. November 1925, verstorben am 30. April 2016, zuletzt wohnhaft in Heusweiler-Niedersalbach. Anzeigentext: "In Liebe und Dankbarkeit nehmen Abschied nach 67 Jahren der Ehemann Günter Georgi, die Söhne Dieter und Rainer, Schwiegertochter Eva, Enkeltochter Martina und alle Angehörigen." Beigefügt war ein handschriftlicher Vermerk. "Sehr geehrter Herr Gräbner, meine unlängst im 91. Lebensjahr verstorbene Ehefrau hatte eine bewegte Lebensgeschichte. Vielleicht für Ihre SZ-Serie von Interesse?" und ein Ausschnitt aus der Zeitung der "Märkische Bote" vom 22. März 2016, mit der Überschrift: "Zwei bewegte Leben, eine Ehe" und einem Hochzeitsfoto vom 17.April 1949 der Eheleute Hildegard und Günter Georgi. Ich rief Günter Georgi an. Er sagte: "Wir kennen uns. Ich habe als freier Mitarbeiter auch für Zeitungen im Saarland gearbeitet, war weltweit unterwegs, meine Frau auch. Da gibt es viel zu erzählen."

Wir verabredeten uns zwei Tage später in seinem Haus. Er erzählt, dass seine Frau in Hörlitz in Brandenburg 1925 geboren wurde und aufwuchs, die jüngste von sechs Geschwistern war, nach der Grundschule eine Lehre als Verkäuferin abschloss und gerne ins Kino ging. Und von sich erzählt er, dass er 1928 geboren wurde, 1945 als Sechzehnjähriger Soldat wurde, nach Kriegsende Gefangener in einem Internierungslager war, 1946 entlassen wurde und dann an Weihnachten in einer Gaststätte beim Schlager "Rosamunde" seine spätere Frau Hildegard kennen lernte. Sie unterhielten sich, tanzten miteinander, lernten sich näher kennen, heirateten an Ostern 1949 in der Martin-Luther- Kirche in Brieske bei Senftenberg/ Niederlausitz, einem kleinen Ort in der damaligen DDR. Sie wohnten in einer Zwei- Zimmer-Wohnung. 1948 wurde Sohn Dieter, 1952 Sohn Rainer geboren. Sie arbeitete weiter als Verkäuferin, er als Bankangestellter und begann als freier Mitarbeiter für die Lausitzer Rundschau und die in der DDR bekannte Wochenzeitung Sport-Echo über lokale Ereignisse zu berichten: "Ich habe meine Texte diktiert. Meine Frau hat sie handschriftlich aufgeschrieben. Sie hat weiter als Verkäuferin gearbeitet."

1958 wurde Günter Georgi wegen "staatsgefährdender Hetze und Propaganda" in seinen Berichten zu 100 Tagen Haft verurteilt: "Meine Frau bekam keine finanzielle Unterstützung. Sie musste die Familie und sich von 200 Ostmark Monatslohn durchbringen." 1958 wurde Ehemann Günter entlassen. Er war arbeitslos. Was nun? Er erzählt: "Wir flohen in die Bundesrepublik. Ein Freund fuhr uns mit dem Auto nach Westberlin. Wir landeten im Notaufnahmelager in Marienfeld. 1958 war die so genannte Ländereinweisung. Wir kamen ins Saarland nach Heusweiler-Niedersalbach, wo wir später ein Haus bauten. Meine Frau war eine herzensgute Mutter. Sie half, wo sie konnte. Sie schickte Lebensmittelpakete zu ihren Freunden und Verwandten in die DDR. Sie hatte christliche Grundsätze, ging aber nicht in die Kirche. Sie kümmerte und sorgte sich um ihre Familie."

Ehemann Günter Georgi arbeitete inzwischen wieder bei einer Bank und als freier Journalist beim Saarländischen Rundfunk und bei der später eingestellten Saarländischen Landeszeitung: "Meine Frau und ich unternahmen große Reisen mit Kreuzfahrtschiffen. Bei vielen Reisen begleitete sie mich. Ich fotografierte, schrieb Bücher über unsere Reisen und Erlebnisse, die im Selbstverlag erschienen und die ich in Ausstellungen präsentierte. Ich organisierte Fotoausstellungen und Lesungen und Diskussionsrunden und Bildkarten-Spendenaktionen. Ich war auch in Peking, allein. Auch dort präsentierte ich. Es waren tolle Jahre."

"Und wie lebte die Familie, ihre Frau, die Kinder?", frage ich. "Unsere beiden Söhne Dieter und Rainer besuchten in Lebach die Grundschule. Nach der Grundschule absolvierten beide handwerkliche Ausbildungen. Unser Sohn Dieter wurde Kraftfahrzeug- Mechaniker, Sohn Rainer Elektro-Mechaniker."

Sohn Dieter, der neben uns sitzt, erzählt: "Wir haben die Eltern kaum vermisst. Wenn unser Vater und unsere Mutter auf Reisen waren irgendwo in Afrika oder Asien, wurden wir Söhne von unserer Oma Dora versorgt."

1995 stürzte "Mama" Hildegard zu Hause. Sie verletzte sich schwer. Ehemann Günter erzählt: "Sie hatte Oberschenkel-Halsbrüche und Rückenverletzungen. Sie hat sich im Krankenhaus von den Unfallverletzungen nie wieder richtig erholt. Ich holte sie nach Hause. Sie hatte zwei Schlaganfälle. Es ging ihr immer schlechter. Sie wurde ins Krankenhaus in Dudweiler eingeliefert. Wir haben sie besucht. Sie hat uns nicht mehr erkannt. Sie ist einfach eingeschlafen für immer."