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„Mama und Freundin zugleich“

Hedwig Kotzian
Hedwig Kotzian FOTO: privat
Orscholz. Hedwig Kotzian Dieter Gräbner

Hedwig Kotzian, geb. Anton, Jahrgang 1936, wurde in Serrig, einem Ort bei Saarburg, geboren. Sie hat fünf Geschwister. Ihr Vater war Bahnbeamter, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt und versorgte die Kinder. Die kleine Hedwig besuchte die Grundschule in Serrig, wechselte nach der achten Klasse auf eine Handelsschule in Trier, absolvierte dann eine Lehre als Einzelhandelskauffrau und arbeitete in einem Kaufhaus in Trier.

Es war an Fastnacht 1955. Wie alle Jahre fand in Serrig ein Fastnachtsball statt. Und auf diesem Ball lernten sich Hedwig, 19 Jahre alt, und Dietmar Kotzian, ein gelernter Koch, 21 Jahre alt, kennen. Sie trafen sich, sie kamen sich näher und bald beschlossen sie zu heiraten. Dietmar hatte sich zur Bundeswehr gemeldet, war am 1. August 1956 eingezogen worden, lebte in Kasernen in Koblenz und in Niederlahnstein.

Am 7. März 1957 heiraten die beiden. Die kirchliche Trauung folgte wenig später in Serrig in der Kirche St. Martin. Ehemann Dietmar erzählt: "Meine Hedwig war gläubige Katholikin. Wenn man jung und verliebt ist, will man auch zusammen wohnen. Wir wohnten erst im Haus meiner Schwiegereltern. Ich war noch bei der Bundeswehr. Ich kam immer nur nach Hause, wenn ich dienstfrei hatte. Meine Hedwig war eine sehr schöne Frau, auch eine gute Hausfrau, sehr hilfsbereit, immer freundlich, kontaktfreudig. Sie arbeitete weiter als Einzelhandelskauffrau." Am 5. Juni 1962 wurde Tochter Petra geboren. Ehemann Dietmar hatte 1962 den Dienst bei der Bundeswehr beendet und wurde Zollbeamter. Die Familie hatte begonnen, ein Haus in Eigenhilfe zu bauen, 1964 wurde Sohn Jörg geboren. Ehemann Dietmar sagt: "Wir waren damals eine junge Familie mit wenig Geld, aber großen Plänen."

1968 wurde das Haus fertig. Die Familie zog ein. 1969 wurde Sohn Mike und 1970 Tochter Andrea geboren. Wir, Ehemann Dietmar, Sohn Mike und Tochter Andrea, die jüngste der vier Geschwister, und ich sitzen zusammen und reden über eine Frau, die überall wegen ihrer Hilfsbereitschaft geachtet wurde. Sohn Mike: "Sie war aufopferungsvoll, hat an andere gedacht, nie an sich selbst, hat geholfen, wo sie konnte. Sie war Mama und Freundin zugleich. Auf uns Kinder hat sie nie Leistungsdruck ausgeübt. Sie hat uns geholfen, sie hat uns geliebt, das hat man ständig gespürt."

Tochter Andrea: "Sie hat immer gearbeitet im Haus und draußen im Garten. Sie hat gesät und gepflanzt, Gemüse und Salat angebaut. Marmelade gekocht. Wir hatten Tiere. Nichts war ihr zu viel. Sie war handwerklich geschickt, hat Teppiche gewebt und Tischdecken gestrickt. Es gab eigentlich nichts, was sie nicht konnte. Als wir Kinder heran gewachsen waren, hat sie für eine Bäckerei in Orscholz Brot und Backwaren ausgefahren. Man kannte sie überall. Sie hat auch für viele Lebensmittel eingekauft und ausgeliefert."

"Eine große Familie, viel Arbeit. Aber war das alles? Hat sie nicht auch eigene Wünsche gehabt?", frage ich. Tochter Andrea: "Das hat sie sicherlich, aber die hat sie ganz hinten dran gestellt. An Sonntagen hat sie sich nachmittags eine Pause gegönnt, sich hin gesetzt. Dann hieß es bei uns: Die Mama sitzt auf dem Sofa."

Und sonst? "Sie hatte fünf oder sechs Freundinnen, mit denen sie einmal in der Woche kegeln ging." "Und Urlaub?" Ehemann Dietmar: "Das kam später. Wir waren mal in Rom, haben dort den Papst besucht, waren in Österreich, auch in Belgien am Meer."

Ihre Kinder waren kaum aus dem Haus, da wurde sie auch schon Großmutter. 1984 und 1988 wurden ihre Enkel Alexander und Michael geboren. Tochter Andrea erzählt: "Sie war eine Oma wie eine Mama. Sie war verrückt nach den Enkeln." Und im Jahr 2000 kam Enkelsohn Nico Chris und 2005 Enkeltochter Lara Lee auf die Welt. Tochter Andrea, die Mutter der beiden, erzählt: "Wir lebten vorübergehend in Kärnten in Österreich. Mein Mann arbeitete dort. Nico, unser Sohn drängelte: ,Ich will zu meiner Oma.´ Schließlich sind wir wieder zurück gezogen." Nach einer kurzen Pause sagt sie: "Bei all dem Trubel, der vielen Arbeit und ihrem Engagement hat sie viele Jahre zu verdängen versucht, dass sie krank war. Sie hatte schweres Rheuma und kaputte Kniegelenke. Sie hat gelitten, aber fast nie geklagt." Sohn Mike: "Sie benutzte weder Rollator und noch Krückstock. Dazu war sie zu stolz. Sie wollte kein Mitleid. Ihren 70. Geburtstag am 29. April 2006 wollten wir groß feiern. Wir hatten Gäste eingeladen. Wir konnten nicht feiern. Sie hatte einen Schlaganfall. Weitere drei folgten. Sie saß in den letzten vier Jahren im Rollstuhl." Tochter Andrea: "Das Ende kam jetzt, als sie zwei Wochen im St. Franziskus-Krankenhaus in Saarburg lag. Ich war bei ihr, als sie starb."