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„Er wusste immer, was er wollte“

Hans Garling
Hans Garling FOTO: privat
Merzig. Hans Garling Dieter Gräbner

Hans Garling, Jahrgang 1936, wurde in Güstrow in Mecklenburg geboren und wuchs in der damaligen DDR auf. Er ist der älteste von vier Geschwistern. Seine Eltern wurden geschieden, als er vierzehn war. Nach vier Jahren Grundschule wechselte er auf ein Gymnasium, das er allerdings 1953 nach der 11. Klasse verließ.

Er hatte sich von seiner Familie getrennt, war allein nach Berlin gefahren, lebte in einem Durchgangslager für DDR-Flüchtlinge. Weil er noch nicht volljährig war, schickten die DDR-Behörden seine Eltern nach Berlin, um ihn zurück zu holen. Er wollte nicht zurück, unterschrieb eine Erklä- rung, dass er nach Hamburg zu Verwandten fahren wolle. Er fuhr stattdessen nach Mannheim. Dorthin hatte seine Stiefmutter Kontakte. Dort begann er bei AEG eine Lehre als Starkstromelektriker, die er 1956 mit der Gesellenprüfung abschloss. Und was dann? Irgendjemand erzählte ihm, dass im Saarland Elektriker gesucht würden. Er fuhr nach Geislautern bei Völklingen und arbeitete dort in einem Elektrobetrieb. Das ist verknappt erzählt der Anfang einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der weiß was er will.

Seine Frau Renate Garling und Sohn German und ich sitzen zusammen und reden über einen Mann, der hilfsbereit und vielseitig interessiert war und der andere überzeugen konnte. Sohn German: "Er gab den Job als Elektriker irgendwann in den 50er Jahren auf, arbeitete dann als Fahrverkäufer für Coca Cola bis Ende der 50er Jahre. Dann begann er bei der Pfaff-Nähmaschinen-Filiale in Saarbrücken, lieferte Nähmaschinen aus. Die Arbeit machte ihm Spaß. Er war ein guter Verkäufer. Irgendwann nannten ihn seine Freunde ,Herr Pfaff´."

1961 traf er Renate, eine gelernte Schneiderin. Sie erzählt: "Ich brauchte eine Nähmaschine. Er zeigte mir eine, die ich kaufte. Dann lud er mich ins Kino ein. So fing alles an. 1962 wurde er Filialleiter von Pfaff in Merzig. Die Hochzeit wurde geplant, aber er war evangelisch und ich katholisch. Er konvertierte zum katholischen Glauben. Er wollte, dass auch unsere Kinder katholisch erzogen würden. Wir heirateten am 24. Mai 1964 in der Liebfrauenkirche in Püttlingen. Dort war ich im Kirchenchor. Gefeiert haben wir im Haus meiner Schwester Regina. Wir wohnten dann in Merzig. 1966 wurde unser Sohn German, 1967 unser Sohn Volker geboren."

Sohn German, der später eine Ausbildung als Nähmaschinenmechaniker absolvierte, mit der Gesellenprüfung abschloss und in Bielefeld die Meisterprüfung ablegte, sagt: "Mein Vater wollte, dass wir beide einen ordentlichen Beruf lernten. Mein Bruder wurde Zahntechniker. Unser Vater war auf Messen. Er hatte in Merzig im ersten Jahr 300 Nähmaschinen verkauft. Er konnte überzeugen. 1976 kaufte er sich die Niederlassung. Er hatte inzwischen viele Freunde. Er war befreundet mit Werner Freund, dem Wolfsmenschen, wie er in Merzig hieß, der den Wolfspark gegründet hatte. Er war Mitglied im Merziger Gesangverein Liedertafel, Mitglied im Verein für Handel und Gewerbe und im Kegelclub Merzig. Und er war ein Familienmensch. Er konnte auf Menschen zugehen. Das Feierabend-Bier in seiner Stammkneipe war ihm wichtig. Wir fuhren regelmäßig mit einem VW-Campingwagen in Urlaub." Ehefrau Renate: "Meistens in der Vorsaison. Ein beliebtes Ziel war die Insel Fehmarn in der Ostsee. Dort hatte er Verwandte. Zwölf Mal waren wir in Montenegro in Jugoslawien an der Adria. Später fuhren wir nach Ungarn. Es waren schöne Urlaube."

1980 eröffnete er in Saarlouis in der Fußgängerzone den "Nähmaschinen-Meisterbetrieb Garling", der inzwischen von Sohn German Garling geleitet wird: "Wir sind insgesamt sechs Mitarbeiter hier. Das Geschäft läuft. Mein Bruder starb vor elf Jahren. Das war ein schwerer Schlag für unseren Vater. Er wollte, dass wir nach dem Tod meines Bruders alle in engem Kontakt bleiben. Dem ist auch so. Wir haben engen Kontakt. Insgesamt gibt es fünf Enkelkinder. Zwei Söhne und drei Töchter. Unser Vater war ein stolzer Opa. Er tat alles für die Enkelkinder."

Ehefrau Renate erzählt: "Mein Mann hat das Geschäft in Saarlouis 1994 an unseren Sohn German weiter gegeben und hat dann 1997 das Geschäft in Merzig geschlossen. Er arbeitete weiter, jeden Tag. Man kann sagen: Seine größte Leidenschaft war die Familie und dann kamen die Nähmaschinen. Am 24. Mai 2014 feierten wir unsere Goldene Hochzeit. Es war ein schönes Fest. Er war inzwischen gesundheitlich angeschlagen. Er war herzkrank, hatte schon länger einen Herzschrittmacher und fünf Bypässe. Dann stürzte er im Treppenhaus, hatte Verletzungen im Gesicht, kam in die Winterberg-Klinik in Saarbrücken. Dort hatte man Hoffnung. Die Ärzte sagten: ,Es wird alles wieder gut.´ Er starb zwei Tage später an Herzversagen im Krankenhaus."