Macht kaputt, was schon kaputt ist

Macht kaputt, was schon kaputt ist

Saarbrücken. Die Tapete sollte man ernst nehmen. Denn ihr sittsames Blümchen-Muster explodiert. Am Ende des nur 80-minütigen Bertolt-Brecht-Abends, der abschnurrt, als wolle Dagmar Schlingmann die Formel-Eins-Klasse im Theater einführen, ist denn auch wirklich alles kaputt, was sowieso nie stabil war

Saarbrücken. Die Tapete sollte man ernst nehmen. Denn ihr sittsames Blümchen-Muster explodiert. Am Ende des nur 80-minütigen Bertolt-Brecht-Abends, der abschnurrt, als wolle Dagmar Schlingmann die Formel-Eins-Klasse im Theater einführen, ist denn auch wirklich alles kaputt, was sowieso nie stabil war.

Freundschaften und Liebes-Beziehungen geben unter dem Druck von Trieben und Hieben ebenso nach wie die vom Bräutigam selbst gefertigten Stühle, Tische, Schränke. Dazwischen erlebt man auf einer von Sabine Mader als Schmalspur-Kasten eingerichteten Bühne eine wahrlich sportive Veranstaltung mit abstruser Sex-Tanz-Akrobatik und halsbrecherischen Kipp-, Fall- und Kletter-Vorführungen. Die frontale Festtafel verstellt quasi die gesamte Spielfläche, macht die neun Akteure zu einer störungsanfälligen Zwangs-Gemeinschaft. Wer ausweicht, gerät auf eine schiefe Bahn, die vor das traute Heim gebaut ist.

Es ist Hochzeitstag, ein Abend voller Bosheiten, Beleidigungen und Unappetitlichkeiten. Danach, allein im Ehekäfig, wird's noch schlimmer. Das war die Botschaft des frühen, des exzessiven Brecht, der in seiner "Kleinbürgerhochzeit" (1919) den Freund des Bräutigams eine vulgäre "Keuschheitsballade" zu Ehren der Sauerei grölen lässt. Andreas Anke macht das grandios. Hinter der Maske des jovial-schleimigen Salon-Löwen versteckt er eine beängstigende Gewaltbereitschaft. Anke reißt einem Stuhl die Armlehne aus, als drehe er einem Menschen den Arm aus der Schulter. Jawohl, es liegt viel Animalisches und Bestialisches in der Luft. Salat baumelt der Tischgesellschaft aus dem Mund wie den Kühen auf der Weide, und der Nachtisch wird schon mal vom Fußboden direkt in den Mund geschaufelt.

Doch Schlingmann treibt Brechts Stück nicht in die platte Comedy, dreht nicht nur an der "Tücke-des-Objektes"-Komik-Schraube. Zugleich hütet sie sich vor einer Überhöhung oder Verdüsterung des Stoffes. Vielmehr wagt sie mit Brecht ein selten launiges Quickstep-Tänzchen, spritzig und charmant. Der Abend ist bis auf die Sekunde rhythmisiert, gestisch und mimisch hochglanzpoliert. Jeder einzelne der Darsteller wächst zu einer eigenen Klein-Komödie. Marco Lorenzini hat dabei als redseliger Braut-Vater den dankbarsten Part, und er meistert ihn grandios. Breitet genüsslich Grausiges über Rückenmarksschwindsucht aus, brabbelt unbeachtet vor sich hin wie ein Kleinkind oder orgelt sich hoch in dröhnendes Priester-Pathos. Auch Nina Schopka wird als Freundin der Braut zu einer Preziose im Spiel. Sie gibt den schwarzhaarigen Vamp, die scharfzüngige Giftspritze und blöde Gans in einer Person. Ihr Gatte mit Schmalz-Tolle (Johannes Quester) hat es sich unter ihrem Pantoffel bequem gemacht, zornig ist er trotzdem. Unerfülltheit und Verlogenheit, das Schicksal aller Verheirateten?

Auch die (schwangere) Braut möchte so gerne wohlanständig und in ökonomischer Sicherheit sein, lässt aber zugleich ihre Hüften kreisen, als wollte sie den Brünstigkeits-Wettbewerb gewinnen. Dorothea Lata knallt diese Figur mit derart grimmiger Zackigkeit auf die Bretter, dass Benjamin Bieber umso unscheinbarer wirken muss - wäre da nicht ein plötzlicher verquerer Körper-Tonus. Es sind unzählige, meist nur kurz aufblitzende Details dieser Art, die die Saarbrücker "Kleinbürgerhochzeit" zu einem raffinierten Kunst-Stückchen machen. Verpackt ist es in das bonbonfarbene Papier der Sixties - mit billigem Barbiepuppen-Glanz (Kostüme: Inge Medert). Dazu schrammelt eine fidele Musik (Alexandra Holtsch). Sie kontrastiert das Chaos, das angetrieben wird von unausgelebter Sexualität und unterdrückter Zerstörungswut.

Das traute Heim als Trümmer-Feld der Konventionen, es ist dies wahrlich ein sehr oft bemühtes Lehr-Modell des (anti-)bürgerlichen Lachtheaters. Gleichwohl gewinnt es bei Schlingmann neue Frische. Es ist, als beiße man in ein Sahnetörtchen - mit einer Chilischote drin.

Termine: 4., 8., ,15., 25. und 31. Dezember. Karten gibt es unter: Tel. (06 81) 309 24 86.

theater-saarbruecken.de

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