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Lothringer machen Musik für den Sandmann

Metz. In Deutschland ist Florent Schmitt bestenfalls ein Fall für Kenner. Dabei hat der Lothringer Bemerkenswertes komponiert. Die neue, exquisite CD des Orchestre National de Lorraine lädt zur Entdeckung dieses Klangkünstlers ein. Oliver Schwambach

Märchenhaft schön ist diese Musik, durchwebt von Klanggespinsten, die verwehen wie Träume am Morgen. Florent Schmitt (1870 -1958), ein Wagner-Bewunderer, hat sie komponiert. In Anlehnung an den dänischen Sandmann, den Hans Christian Andersen unvergesslich machte. Ole Lukoye - Ole, der den Kindern die Augen schließt - kommt abends mit zwei Schirmen zu den Kleinen. Einem dunklen ohne Bilder, den er über jenen aufspannt, die nicht brav waren: traumlos müssen sie schlafen. Herrliche Bilder aber zeigt die Innenseite jenes Schirms, den Ole Lukoje für die guten Kinder öffnet.

Vor gut 100 Jahren schrieb Schmitt "le petit elfe ferme-l'oeil", zunächst als Klavierwerk, was Anfang der 1920er zur üppig instrumentierten Ballettmusik reifte. Das Orchestre National de Lorraine (ONL) hat sie kürzlich mit seinem Chef Jacques Mercier eingespielt im schönsten Konzertsaal der Region, dem Metzer "Arsenal". Und es ist ein wahrer Klangrausch geworden: duftend, voll schillernder Nuancen, finessenreich in seinen Schattierungen. Ja, auch exotisch und manchmal überparfümiert.

Ein Muss ist diese CD freilich auch, weil der in Deutschland kaum gekannte Schmitt auch ein Komponist unserer Region war. Im lothringischen Blâmont geboren (auf halber Strecke zwischen Nancy und Strasbourg) war Schmitt zunächst ein engagierter Mann der Moderne. Der frühe Schmitt kündete mit facettenreicher Instrumentierung, kühner Rhythmik und Klangfarben schon von dem, was mit Strawinsky mächtig werden sollte. Auch mal übermütig in der Instrumentierung mit Schlagwerk und Glockenklang war das - fast schon messiaenisch.

Dann aber mochte Florent Schmitt beim umwälzenden Vorwärtsdrängen seiner Kunst im 20. Jahrhundert nicht mehr mittun. Was soweit ging, dass er mit Hitler-Hochrufen gegen Aufführungen von Kurt Weills Werken in Frankreich demonstrierte. Unsäglich.

Leider liest man davon so gar nichts im Beiheft der ansonsten tadellosen CD, die auch noch das spät, 1949, komponierte "Introït, récit et congé" enthält. Ein dreiteiliges Stück für Cello und Orchester (Solist: Henri Demarquette), das stark an Schostakowitsch erinnert - und dennoch auch französische Leichtigkeit atmet.

Florent Schmitt: Le petit elfe ferme-l'oeil; Introït, récit et congé, ONL unter Jacques Mercier, erschienen auf Timpani.