„Lolita“ im Lehrerzimmer

„Lolita“ im Lehrerzimmer

Händler weigerten sich, das Buch zu verkaufen, Feministinnen waren empört – der Roman „Tampa“ von Alissa Nutting hat hohe Wellen geschlagen. Ist das Buch über eine pädophile Lehrerin mehr als nur Provokation?

Celeste Price, die junge Englischlehrerin an der Jefferson Junior Highschool in Tampa, Florida, ist der feuchte Traum aller Schüler: Wenn sie in High Heels und Tops zwischen den Bänken herum tigert und aus öden Lehrstoffen wie "Der scharlachrote Buchstabe" sexuelle Fantasien herauskitzelt, beginnen die "pickeligen Klugscheißer" verlegen zu kichern und die Mädchen zu erröten. Der Vamp steht auf 14-Jährige. Wenn Celestes Mann seine "ehelichen Rechte" einfordert, schützt sie Müdigkeit vor oder kippt ihm Schlafmittel ins Bier.

Jack dagegen passt perfekt in ihr Beuteschema. Der nicht sehr helle Außenseiter steckt gerade in der Phase zwischen kindlich-androgyner Unschuld und erwachender Sexualität: Sein Körper ist noch nicht durch Bartwuchs und Muskeln verdorben, seine Seele noch fast jungfräulich rein. Celestes macht ihrem Lieblingsschüler im Klassenzimmer unverhüllte Angebote.

Alissa Nuttings Debütroman "Tampa" basiert auf dem Fall der Junglehrerin Debra Lafave, die 2005 wegen Unzucht mit einem 14-jährigen Schüler zu einiger Berühmtheit kam. Das Argument, das ihr Verteidiger damals vorbrachte, bewahrt auch Celeste vor dem Gefängnis: Die Frau sei viel zu hübsch, um im Knast den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Und überhaupt: Welcher Junge beklagt sich über sexuellen Missbrauch, wenn eine "heiße Braut" seine geheimsten Wünsche erfüllt? So macht Nutting aus dem Tabuthema weibliche Pädophilie eine grelle, boshafte Groteske. In Interviews nahm die 29-jährige Literaturwissenschaftlerin für sich in Anspruch, das Spektrum weiblicher Sexualität erweitert zu haben, indem sie den passiven Opfern und romantisch Liebenden erstmals eine unternehmungslustige, kontrollwütige Psychopathin zur Seite stellte und so der männlichen Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Man kann darüber streiten, ob "Tampa" ein Stück Emanzipation ist; aber die Provokation verfehlte jedenfalls nicht ihre Wirkung. Buchhändler weigerten sich, das Buch zu verkaufen, Feministinnen und Moralisten waren empört; die "New York Times" dagegen sprach von einem "mutigen und rundum gelungenen Debüt".

Dennoch ist Nutting kein zweiter Nabokov: Ihre Figuren sind flach, die "erregte Endlosschleife lautloser Selbstbefriedigung", über die Celeste schon im ersten Satz stöhnt, ermüdet auf die Dauer, und die Übersetzung klingt manchmal holprig. Aber unbestritten hat Nutting Talent: Schnoddrig und oft hinreißend komisch erzählt sie von Celestes Erfahrungen mit lüstern-verschämten Nerds, verklemmten Lehrerkollegen und misstrauischen Eltern. Und natürlich von Sex in allen Lagen.

Sie verzichtet dabei fast gänzlich auf psychologische Erklärungen und gestattet ihrer Heldin weder Reue noch Katharsis. Celeste ist offensichtlich eine Schwester von Bret Easton Ellis' Patrick Bateman: Eine "seelenlose Perverse", gefühllos bis hin zur Karikatur, zynisch bis zum bitteren Ende. "Tampa" ist nicht nur eine weibliche Antwort auf "American Psycho" und "Lolita", sondern auch eine Satire auf den Jugendwahn. Wie für die Dracula-"Blutgräfin" Elisabeth Báthory, die der Legende nach im Blut ermordeter Jungfrauen badete, sind Teenager für Celeste ein Elixier ewiger Jugend, stärker als alle Botoxbehandlungen, Fruchtsäurepeelings oder Anti-Aging-Wellnesskuren.

Liebe oder gar mütterliche Instinkte gehören nicht zu den probaten Verjüngungsmitteln. Spätestens in ein, zwei Jahren, wenn der erste Flaum auf Jacks Brust sprießt, wird Celeste sich jüngeres Frischfleisch suchen. Schon jetzt nimmt sie, abgeschreckt von Jacks unbeholfenen Liebesgedichten und Heiratsplänen, andere Opfer ins Visier: Boyd ist ein kleiner frecher Racker, der noch Zahnspangen trägt, aber es schon faustdick hinter den Ohren hat; der eifersüchtige Jack wird beim Sex immer mürrischer und routinierter; die Väter, Direktoren und Polizisten lassen sich nicht mehr durch kleine Gefälligkeiten und Barbiturat-Cocktails ruhigstellen - und so fliegt die verbotene Affäre schließlich auf.

Neben "Tampa" wirken alle "Feuchtgebiete" und Shades-of-Grey-Fesselspiele wie harmloser Mädchenkram: Nuttings Erstling ist pornographisch explizit, aufreizend unterkühlt und doch fast kindlich fröhlich. Der kalkulierte Tabubruch funktioniert, weil die sexuellen Übergriffe von einer Frau ausgehen und durch literarische Referenzen und schwarzen Humor abgefedert werden.

Alissa Nutting: Tampa. Aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull. Hoffmann & Campe, 288 Seiten, 19,99 Euro.

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