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Little Richard und der Volksbühnen-Tarantino

Bayreuth. Buhs für „Rheingold“, Bravos für die „Walküre“: Frank Castorf schickt das Bayreuther Publikum in ein Wechselbad zwischen Trash und Kammerspiel. Durchweg glänzend: das Festspielorchester unter Kirill Petrenko. Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

Fix noch ein Foto mit Little Richard: Die Schnappschüsse mit den Winke-Wagners sind das Motiv dieser Bayreuther Saison. Andere Zeiten, andere Sitten! Als Aktionskünstler Otmar Hörl 2004 hunderte Plasteplagiate von Richard Wagners treuem Neufundländer in Bayreuth platzierte, ließ Festspielpatriarch Wolfgang Wagner streng einen Bannkreis um den Grünen Hügel ziehen: Hörls Bellos mussten draußen bleiben. Diesmal darf er seine Mini-Wagners sogar auf dem Festspielareal postieren. Und im Park unterhalb der Heiligen Halle informiert die Schau "Verstummte Stimmen" über in der Nazi-Zeit verfolgte und ermordete Sänger, Dirigenten und Komponisten. Auch die unselige Haltung der damals Hitler hofierenden Wagners wird nicht ausgespart. Lange haben die Festspiele sich schwer getan mit solch unübersehbarer Geschichtsarbeit. Nun, im Jubeljahr, zu Richard Wagners 200. Geburtstag, kam man wohl nicht mehr daran vorbei.

Das Festspielhaus selbst haben die beiden regierenden Wagner-Halbschwestern Eva und Katharina für den neuen "Ring" dem Theaterrevoluzzer und Stückezertrümmerer vom Dienst überlassen. Und für dieses Bad-Boy-Image tut Volksbühnen-Chef Frank Castorf auch was. Tönte etwa vor der "Rheingold"-Premiere rum: Bei den Festspielen erinnere ihn manches an die DDR. In "Rheingold" dreht der 62-Jährige dann richtig auf, lässt von Bühnenbildner Alexsandar Denic ein in seiner Schäbigkeit grandioses Motel auf die Drehbühne bauen - mit Lichtreklametafel auf dem Dach. Das "Golden Motel" ist alles in einem: Absteige im texanischen Irgendwo, Tankstelle, Diner wie von Edward Hopper gemalt. Und am Pool gammeln die Rheintöchter rum (Julia Rutigliano, Mirella Hagen und Okka von der Dammerau: drei strahlend schöne Stimmen). Sie grillen Würstchen und machen den armen Alberich (souverän: Martin Winkler) an, der sich kaum noch zu helfen weiß vor so viel blondierter Wuchtbrummen-Verführung. Derweil lümmelt Obergott Wotan auf einem Motelbett mit Fricka (Claudia Mahnke) und Freia (Elisabeth Strid) rum. Beide gleichfalls blond. Doch ob blond ob schwarz, Wotan lässt bei keiner was anbrennen. Als Erda (Nadine Weissmann) auftaucht und dunkel-sinnlich mahnt, den verfluchten Ring zu lassen, denkt Wotan nur an das eine - und tut es auch.

Nein, vom "deutschen Geist" bleibt da nichts. Eher macht Castorf aus "Rheingold" ein Remake von Tarantinos "Pulp Fiction". Mit schmierigen Ganoven, drallen Damen und Halbwelt-Typen wie Alberich und seinem handlangernden Bruder Mime (Burkhard Ulrich). Das sind oft höchst amüsante Momente, aber manchmal sieht es auch bloß nach klamaukigem Volksbühnen-Tarantino aus. Castorfs eigentliche Kunst aber ist es, zu zeigen, dass das Erzählenswerte dieser Wagner-Opern im Grunde überall seinen Ort findet: Der Kampf um Macht, um Liebe, das Existenzielle treibt Wagners Götter und Germanen genauso an wie eine Ganovengang oder Wirtschaftsbosse. Fast jede Szene wird da per Videokamera auf die Reklametafel auf dem Motel-Dach übertragen. Mehr Film als Kino scheint das oft, und übertrumpft auch das eigentliche Bühnenspiel.

Undenkbar, dass Castorf so einen "Ring" mit Christian Thielemann gemacht hätte, wo jede Note doppelt bedeutungsschwer tönt. Kirill Petrenko, seit seinem Meininger "Ring" 2001, ein Kandidat für den Hügel, ist dagegen goldrichtig. Ein überragender Dirigent. Wie differenziert und transparent er den Klang gestaltet, falsches Pathos wegwischt, ist grandios. Das rettet dieses "Rheingold" auch, wenn Castorf mal die Ideen ausgehen - und er die Sänger nur im Liegestuhl singen lässt.

Im zweiten "Ring"-Teil nun, der "Walküre", scheint Castorfs Furor verraucht: Ruhig, in fast kammerspielartiger Verdichtung, inszeniert er jetzt. Nun tritt auch seine Grundidee für die Tetralogie deutlich hervor. Das Gold, der Schatz, der in diesem "Ring" alle verrückt macht, ist das Öl - noch immer der Schmierstoff unserer Zeit.

Nach Texas geht es jetzt zurück - in die Kaukasus-Region um 1900. Kurz vor der Oktober-Revolution ist dort der Ölrausch voll im Gange. Und Wotan macht auch in Öl. In einem Bretterbau nebst angeschlossenem Bohrturm treffen Siegmund und Sieglidne aufeinander. Die tragische Geschwisterliebe, aus der Siegfried erwächst, sie hat bei Castorf erstaunlich zarte Momente. Und großartige Sänger: Anja Kampe verfügt über einen Sopran mit Volumen, Nuancenreichtum und betörend schöner Höhe. Und Johan Botha ist ein Siegmund von wahrer Klasse - strahlend und kraftvoll. Nicht nur bei den Wälserufen - bei denen Wagnerianer gerne mitstoppen (knapp zehn Sekunden der zweite Ruf).

Castorf setzt auch bei der "Walküre" auf Projektionen, diesmal aber schwarz-weiß in Eisenstein-Manier. Und statt Kriegern sammeln die Walküren (deren Niveau reicht leider runter bis zum Provinztheater) tote Ölarbeiter auf. Helden der Arbeit - oder der Revolution? Denn letztere wird nebenbei fahnenschwingend auch noch gemacht. Aber der Regisseur lässt vor allem den Sängern, der Musik Raum. Und das wird belohnt: Wie bannend, wie psychologisch aufgeladen ist die Schlussszene zwischen Wotan (Wolfgang Koch noch ausdrucksstärker als im "Rheingold") und seiner Tochter Brünnhilde, die er verstoßen muss. Catherine Forster - erst mit Buhs bedacht - steigert sich zu großer Form. Zusammen mit dem Orchester, das Petrenko zu noch mehr Klangüppigkeit führt, sind das Momente, die einen großen "Ring" ausmachen. Zur "Halbzeit" nun ist der neue Bayreuther "Ring" musikalisch schon ein Großwerk, in der Regie immerhin weit Tankred Dorsts fad-verrätseltem Werk von 2006 voraus. Auch wenn das Castorfsche Leitmotiv Öl fürs 21. Jahrhundert etwas von gestern scheint. Findet sich nicht im Internet das "Rheingold" unserer Zeit?