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Linke Hoffnung Wowereit gerät ins Straucheln

Berlin. Früher hieß Klaus Wowereit "Regierender Partymeister" - keine Feier ohne "Wowi". Den Negativ-Titel konnte Berlins Stadtoberhaupt in den letzten Jahren mühsam abstreifen. Aber seit ein paar Monaten hängt dem SPD-Mann ein anderer Ruf an: "Sonnenkönig", spotten seine Gegner, und mancher Parteifreund stimmt dem klammheimlich zu Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß

Berlin. Früher hieß Klaus Wowereit "Regierender Partymeister" - keine Feier ohne "Wowi". Den Negativ-Titel konnte Berlins Stadtoberhaupt in den letzten Jahren mühsam abstreifen. Aber seit ein paar Monaten hängt dem SPD-Mann ein anderer Ruf an: "Sonnenkönig", spotten seine Gegner, und mancher Parteifreund stimmt dem klammheimlich zu. Das hat seinen Grund: Inzwischen gilt der Regierende Bürgermeister bei vielen als zu abgehoben, zu barsch und vor allem zu desinteressiert an den politischen Themen der Hauptstadt. Nun droht Wowereit, bundespolitisch ambitioniert und einer der Hoffnungsträger der Linken in der SPD, politisch kräftig demontiert zu werden. Nach einem überraschenden Wechsel einer SPD-Abgeordneten ins Lager der oppositionellen Grünen ist die ohnehin knappe Mehrheit der Regierungsparteien im Berliner Abgeordnetenhaus auf eine Stimme geschrumpft. SPD und Linke verfügen zusammen jetzt über 75 Stimmen, CDU, FDP und Grüne haben gemeinsam 74 Mandate - und ein linker Abgeordneter des rot-roten Lagers gilt als weiterer Wackelkandidat. Die Hauptstadt mit ihren vielen Facetten zu regieren, ist per se schwer, jetzt wird es für Wowereit, der nicht als großer Versöhner bekannt ist, noch komplizierter. Zumal er schon 2006 für seine Wahl im Parlament wegen zweier Abtrünniger zwei Anläufe benötigte. Die neue Ausgangslage ist somit besonders pikant. Nicht nur auf Landes-, sondern auch auf der Bundesebene macht man sich bereits Gedanken darüber, wie es mit Wowereit und seinem rot-roten Senat weitergehen könnte. Jetzt sei "die beste Gelegenheit, um das rot-grüne Projekt mit neuem Leben zu erfüllen", so der ehemalige Generalsekretär der SPD, Klaus Uwe Benneter. Rot-Grün hätte dann gemeinsam 76 Mandate, drei mehr als die anderen. Eine solche Operation könnte aus Sicht vieler Genossen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie wäre im Jahr der Bundestagswahl ein Signal, das für Aufbruchstimmung und Hoffnung in den eigenen Reihen sorgen würde. Schließlich soll das rot-grüne Projekt wenn möglich auch auf der Bundesebene wieder auferstehen. Und mit dem Ende des rot-roten Senates wäre der Debatte um eine mögliche Zusammenarbeit mit den Linken auf Bundesebene viel Zündstoff genommen. Dass es aber zu einer solchen Rochade kommt, ist derzeit eher unwahrscheinlich. Die Grünen wollen nicht, sind sie doch nachhaltig vergrätzt, weil Wowereit ihnen 2006 einen Korb geben hatte, als er die Wahl hatte, mit ihnen oder der Linkspartei zu regieren. Und der Pragmatiker Wowereit dürfte in der rot-roten Konstellation mit einer Stimme Mehrheit immer noch den bequemeren Weg sehen, gelten die Grünen doch als weniger handzahm als die Linken. Senatssprecher Richard Meng versichert, es bleibe bei ein "handlungsfähiger Senat und eine Mehrheit im Parlament".Der machtbewusste Regierende Bürgermeister mit der Vorliebe für Glamour-Auftritte weiß, dass der Fortgang in Berlin Auswirkungen auf seine bundespolitischen Ambitionen haben wird. Der 55-Jährige gilt als Türöffner für eine Zusammenarbeit der SPD mit den Linken im Bund. Sollte das Duo Müntefering und Steinmeier bei der Wahl am 27. September scheitern, dürfte in der Partei die Suche nach neuen Hoffnungsträgern ausbrechen. Wowereit stünde wie SPD-Vize Andrea Nahles bereit, wird spekuliert. Aber nur, wenn er die jetzige Krise politisch überlebt.