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Liebenswerte Bundesliga

Meinung. Ist die Fußball-Bundesliga Europas Topliga? Eine gewagte, aber nicht seltene These, die wir Deutschen mit folgenden Argumenten untermauern könnten: Wenn die Liga heute Nachmittag ihren Endspurt startet, werden die Massen mitfiebern, mitleiden, mitjubeln. In die wohl schönsten Stadien des Kontinents sind in dieser Saison rund 13 Millionen Fans gepilgert, das ist Europarekord Von Michael Kipp

Ist die Fußball-Bundesliga Europas Topliga? Eine gewagte, aber nicht seltene These, die wir Deutschen mit folgenden Argumenten untermauern könnten: Wenn die Liga heute Nachmittag ihren Endspurt startet, werden die Massen mitfiebern, mitleiden, mitjubeln. In die wohl schönsten Stadien des Kontinents sind in dieser Saison rund 13 Millionen Fans gepilgert, das ist Europarekord. Sie sehen im Schnitt knapp drei Tore pro Partie. Und: Mit Wolfsburg, München und Stuttgart streiten am letzten Spieltag noch drei Mannschaften um die Schale - mehr Drama bietet keine Liga. Dass es dennoch besser geht, zeigt der Blick nach England: Der Einzug von drei Top-Mannschaften ins Halbfinale der Champions League gibt der Bundesliga einen Hinweis, wie bleibende Erfolge entstehen: mit Nachhaltigkeit. Sir Alex Ferguson ist seit 22 Jahren bei Manchester United im Amt. Arsenal-Trainer Arsene Wenger darf seit knapp 13 Jahren in London arbeiten. Beide hatten anfangs keinen Erfolg, der stellte sich erst mit den Jahren ein. Und das bei Top-Clubs, die hierzulande lediglich in München ihresgleichen finden.Und was machen die Bayern? Sie feuern Trainer Jürgen Klinsmann und sein langfristig angelegtes Konzept nach acht Monaten. Die Schnapp-Atmung der Führungsriege, Fehler des Trainer-Teams, aber auch das Selbstverständnis verwöhnter Bayern-Fans sorgten für die Entlassung. Das Beispiel macht deutlich, dass "Nachhaltigkeit" zwar das Lieblingswort der Deutschen, zumindest in der Bundesliga aber nahezu ohne Wert ist. Schnellen Erfolg traut sie gern dem Typ Alleinherrscher zu. Bestes Beispiel: Felix Magath, der das wenig heldenhafte Wolfsburg ganz nach oben führte. Dass der Trainer nun der Stadt ohne Glamour den Rücken kehrt und zum Oligarchenclub Schalke wechselt, ist aus Perspektive vieler Fußball-Romantiker nachvollziehbar. Denn nur bei einem Traditionsverein kann sich Magath unsterblich machen. Die Superstars auf dem Platz können das nicht, sie müssen dazu ins Ausland gehen. Topstars wie Diego, Franck Ribéry und Edin Dzeko werden die Liga wohl über kurz oder lang verlassen. Mehr Geld ist ein Grund für solche Wechsel. Aber auch die fehlende nachhaltige Präsenz der Bundesliga in Europa bedingt den Verlust von Stars.Geld fehlt der Bundesliga, der große Erfolg im internationalen Wettbewerb auch, die Stars gehen. Die These von "Europas Topliga" lässt sich also nicht halten - aber doch anders formulieren. Nämlich so: Die Bundesliga ist die dramatischste und liebenswerteste Liga des Kontinents. Eine These, die jeder Prüfung standhält. Und ein Titel, um den uns ganz Europa beneidet.