Liebe in Zeiten des Alters

Liebe in Zeiten des Alters

Verfall und Begehren bestimmen das Stück „Lendemains des fêtes“ der Theaterregisseurin Julie Berès. Die Darstellung eines Mannes im Ringen mit Alzheimer gelingt durch Geräuschkulissen, Videoeffekte und Zirkusartisten.

Als der deutsche Filmemacher Andreas Dresen 2008 seinen Film "Wolke 9" über leidenschaftliche Liebe unter Senioren bei den Festspielen in Cannes vorstellte, zeigten sich einige französische Kritiker vom Anblick älterer, verwelkter Körper beim Sex auf der Leinwand noch leicht degoutiert. Der Film bekam trotzdem einen Preis, genauso wie 2012 "Liebe" des Österreichers Michael Haneke.

Die Themen Alter, Verfall und Begehren - lange Zeit Tabu - sind offenbar im Kommen. Die französische Regisseurin Julie Berès hebt sie jetzt auf die Bühne. Ihr Stück "Lendemains de fête (Die Tage nach dem Fest)", mit dem sie am Dienstag im Forbacher Le Carreau vor sehr viel jungem Publikum gastierte, besticht besonders durch sein ungewöhnliches theatralisches Konzept. Das Stück dreht sich - nahezu im Wortsinn - um Jacques, einen 70-jährigen Musikliebhaber mit ersten Anzeichen von Alzheimer. Aus dessen Innensicht will Berès erlebbar machen, wie es ist, wenn die Realitätswahrnehmung löchrig wird und der Kampf um die Fähigkeit, sich zu erinnern, beginnt. Dafür recherchierte die Theaterregisseurin in Pflegeheimen. Es gelingt, indem Berès unter anderem irritierende Geräuschkulissen, Videoeffekte und drei junge Zirkusartisten einsetzt. Noch immer begehrt Jacques, beeindruckend verkörpert durch den in Frankreich bekannten Schauspieler Christian Bouillette, seine Frau Marie (Evelyne Didi), die einzige Konstante in seinem Leben. Was Berès durch einen anrührenden, wenngleich etwas plakativen Liebesakt am Küchentisch gleich zum Einstieg betont. Doch dann spazieren wir mit Jacques durch seine Erinnerungs-Traum-Bilder, in denen die jugendlichen Ebenbilder der zwei sich begegnen und er verwirrt der jungen Marie um den Hals fällt. Die Zimmerwände geraten durch Videoprojektionen optisch ins Schwimmen, junge Leute lassen sich der Schwerkraft zum Trotz diskutierend nieder oder gerieren sich dank eines versteckten Trampolins wie Stehaufmännchen. Ab und an zieht auch ein Chor (aus Forbach!) singend durch die Szenen.

Einfach wunderbar fügt Berès dies alles zusammen und schafft es, dem schweren Stoff Leichtigkeit zu geben. Nur die Zitate des Philosophen Vladimir Jankélévitch über Liebe, Tod und Endlichkeit, die sie den Akteuren in den Mund legt, wirken da ein bisschen zu hochgestochen. Doch man ist schon gespannt auf Berès' nächsten Coup.

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