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Ein Jahr im Amt
Bahnchef Lutz muss mehr tun – auch im Saarland

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Wer ist Richard Lutz? Würde diese Frage bei „Wer wird Millionär?“ gestellt, müsste der Kandidat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen Joker in Anspruch nehmen. Richard Lutz hat es nach genau einem Jahr als Chef der Deutschen Bahn geschafft, öffentlich so unscheinbar zu sein wie wohl keiner seiner Vorgänger. Immerhin steht er in der Tradition von Rüdiger Grube und dem wohl bekanntesten Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn, dem gerne polternden und von vielen gefürchteten Manager, der die Bahn mit aller Gewalt an die Börse bringen wollte. Dafür nahm er einen heftigen Sparkurs, Personalabbau und sogar die Abschaffung der Speisewagen als Plan in Kauf. Man musste seine ruppige Art nicht gut heißen, aber man wusste zumindest, woran man mit ihm war. Umstritten in Methoden, aber unumstritten als Kämpfer für die Bahn. Von Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

Doch für was steht und kämpft Richard Lutz? Er hätte gewaltige Aufgaben zu erledigen. Doch für die Bahn ist längst der Anschluss weg. So müsste es im digitalen Zeitalter zum Beispiel schon überall in Deutschland möglich sein, eine günstige Mobilitätskette zu buchen: Ein Leihauto, das einen zum Bahnhof bringt und das man dort abstellt, ein preiswertes Zugticket zum Ziel, und dort wiederum ein Leihfahrzeug, alles inklusive. Wer heute Kunden an sich binden will, muss alte Zöpfe abschneiden. Dazu gehören auch Sonderangebote mit Zugbindung. In der heute schnelllebigen Gesellschaft mit kurzfristigen Verpflichtungen muss es möglich sein, kurzfristig zu reisen und dafür auch jederzeit günstige Tickets ohne Zugbindung zu bekommen. Bahnfahren muss auch ohne Bahncard attraktiv sein. Hier sollte die Bundesregierung Druck ausüben und auf bessere Angebote drängen, wenn sie verhindern will, dass Deutschland am Verkehrsinfarkt erstickt.


Kostenloses W-Lan in allen Zügen muss es ebenfalls schnell geben. In vielen Regionalzügen, auch im Saarland, kann man davon nach wie vor nur träumen. Die Bahn darf sich nicht auf das Argument zurückziehen, die für Nahverkehr zuständigen Länder müssten für W-Lan sorgen. Die Bahn muss sich hier an günstigen Lösungen beteiligen, sonst gilt das Unternehmen als verstaubt und von gestern.

Überhaupt hat Bahnchef Lutz gerade in unserer Region großen Nachholbedarf. Der morgendliche ICE von Saarbrücken nach Stuttgart – als Ersatz eines weggefallenen ICE/TGV von Paris nach Frankfurt – fährt mit uraltem Zugmaterial, für das man sich schämen muss. Überhaupt lässt die Bahn jede Initiative vermissen, sich für weitere ICE/TGV-Verbindungen einzusetzen, obwohl die Züge heute schon voll sind. Das Gleiche gilt für bessere Zugverbindungen nach Luxemburg, wohin immer mehr Pendler unterwegs sind. Mal sehen, ob die neue politische Konstellation in Berlin den Bahnchef wecken kann: Weder die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, noch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU) und der neue Außenminister Heiko Maas (SPD) können ein Interesse daran haben, dass ihre Heimat als Region und als Wirtschaftsstandort zur Bedeutungslosigkeit verkommt.