| 21:13 Uhr

Neue Debatte um #MeToo
Nicht alle Frauen sind Opfer, nicht alle Männer sind Täter

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Die „Freiheit, jemandem lästig zu werden, ist für die sexuelle Freiheit unerlässlich.“ Was bitteschön wollen uns die selbsternannten Anti-Feministinnen damit sagen? Die neue Kritik der Frauen um die französische Schauspielerin Catherine Deneuve an der #MeToo-Debatte ist ein geistiger Schnellschuss. Und er zeigt: Die Diskussion um sexuelle Übergriffe verleitet dazu, Dinge miteinander zu vermengen, die nicht zusammengehören. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Wenn ein Mann meint, Frauen grenzenlos belästigen zu können, dann hat das nichts mit sexueller Freiheit zu tun. Die ist nur gegeben, wenn dem Gegenüber die Freiheit zugestanden wird, das Sexuelle innerhalb seiner Grenzen zuzulassen. Und wer von „ungeschicktem Flirten“ spricht, der verharmlost Übergriffigkeit. Die Frauen, die Männer aus der Verantwortung nehmen, indem sie ihr Verhalten als „ungeschickt“ verniedlichen, tun genau das, worüber sie sich doch so vehement beschweren: Sie machen den Mann zum Kind, das zu unbeholfen ist, um Belästigung von einem Kompliment zu unterscheiden. Es ist ein chauvinistischer Grundreflex, Frauen für „hysterisch“ zu erklären. Auf der anderen Seite führt der weibliche Reflex, die Schuld bei sich zu suchen, zu häufig dazu, dass Frauen sexuelle Gewalt gar nicht erst anzeigen. Weil sie sich schämen und weil sie erleben, dass Männer am längeren Hebel sitzen. Die „Stellt euch nicht so an“-Haltung ist der Gipfel der Macho-Kultur. Und eines der Grundprobleme, das die Debatte um #MeToo dankenswerterweise zutage fördert.



Der Schauspieler Hannes Jaenicke hat es in der Talkrunde von Sandra Maischberger auf den Punkt gebracht: „Es gibt eine einfache rote Linie. Und die heißt gegenseitiges Einvernehmen.“ Wir regen uns nicht darüber auf, dass uns Männer ein Kompliment zur Frisur machen. Wenn das Kompliment für sich steht. Wenn damit keine Erwartungen verknüpft sind. Wenn es nicht Teil eines dauerhaften, einseitigen Annäherungsversuches ist. Es gibt meist genug Indizien dafür, ob es sich um ein unangemessenes Verhalten handelt oder nicht. Niemand will ein Flirtverbot verhängen. Doch wenn der Flirtversuch nicht erwidert wird, dann hat der Mann mit den Worten von Jaenicke gefälligst „die Schnauze zu halten“.

Die einseitige Grenzüberschreitung ist der Kern des Übels. Frauen können auch im aufgeklärten Deutschland nicht alleine tanzen gehen, ohne dass sich einige Männer das Recht herausnehmen, sie zu begaffen, zu bedrängen oder anzufassen. Warum müssen sich Männer mit so etwas nicht oder viel seltener herumschlagen? Darüber kann man streiten. Und genau darum sollte es gehen: Streit, Diskussion, Meinungs-und Erfahrungsaustausch. Frauen sind nicht pauschal Opfer, Männer nicht pauschal Täter. Wer einen anzüglichen Kommentar absondert, ist nicht gleich ein potenzieller Vergewaltiger. Aber auch er begeht eine Form von Grenzüberschreitung. Es bringt niemanden weiter, wenn #MeToo zu einer Hexenjagd auf Männer verkommt. Auf der anderen Seite ist es genauso wenig zielführend, wenn privilegierte Frauen meinen, Übergriffigkeit als „sexuelle Freiheit“ verklären zu müssen.