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Erinnerungsmythen des 2. Weltkriegs
Stalingrad war nur eine Hölle unter vielen

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Vor 75 Jahren endete die Schlacht von Stalingrad. Sie markierte die Kriegswende. Doch das Andenken daran ist verkürzt. Von Dietmar Klostermann

Auch 75 Jahre nach der Schlacht, bei der hunderttausende Soldaten und Zivilisten auf beiden Seiten ihr Leben verloren, sorgt der Name Stalingrad für kollektives Erschauern. Unzählige Bücher, Filme, Dokumentationen, Zeitzeugen-Berichte oder Fernsehsendungen haben diese Hölle an der Wolga in den Fokus gerückt. Die Schlacht von Stalingrad, deren Ende sich heute jährt, ist in der Erinnerung in Deutschland wie in Russland festgemeißelt als grausamstes Kriegs-Inferno wie als Wende des Zweiten Weltkriegs.


Dabei müsste in der Betrachtung 75 Jahre danach dieser Mythos, der sich anfangs aus Propagandalügen der Nazis und den Gefühlen der Betroffenen speiste, zerplatzen. Für Hitler und die Nazis war Stalingrad eine willkommene Gelegenheit, die Deutschen auf den totalen Krieg bis zum vermeintlichen „Endsieg“ einzu­schwören. Dabei kamen nach dem Februar 1943 bedeutend mehr deutsche Zivilisten und Soldaten um als in Stalingrad. Allein die Bombenteppiche der Allierten auf deutsche Städte forderten weit mehr Opfer. Gleichzeitig mit Stalingrad lief in Auschwitz, Treblinka, Sobibor oder Belzec die Massenvernichtung der europäischen Juden auf Hochtouren, ebenso wie die von Roma und Sinti oder anderer Bewohner Europas, die in den Augen der Nazis so genannte „Untermenschen“ waren.

Doch das gemeinsame Erinnern klammert sich weiter an „Stalingrad“ fest, um den Zweiten Weltkrieg begreifbar zu machen. Niemand in Deutschland erinnert sich an den 27. Januar 1944, den Tag, als die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht endete. 1,1 Millionen Leningrader starben in den zweieinhalb Jahren zuvor an Hunger und Kälte. In der damaligen Sowjetunion ließen insgesamt 20 Millionen Menschen ihr Leben, ein großer Teil davon auch nach Stalingrad, als die deutschen Truppen zurückmarschierten und „verbrannte Erde“ hinterließen, was ebenfalls eine zynische Verniedlichung der Massenmorde war.



So ist Stalingrad 75 Jahre danach ein wichtiger Anlass darüber nachzudenken, welche Erinnerungskultur in Deutschland gepflegt wird. Vor 50 Jahren war es für die große deutsche Öffentlichkeit zunächst unerhört, dass die Studenten gegen die Gräueltaten der US-Truppen im Vietnam-Krieg auf die Straße gingen. Der eingeschränkte Blick auf die Kriege, die das größte Verbrechen an der Menschheit sind, hält bis heute an. Solange es die schreckliche Fratze der Terroristen des Islamischen Staats gab, die ihre Massenmorde per Video-Clip im Internet verbreiteten, gab es ein großes Interesse am Syrien-Krieg. Auch die Flüchtlingsströme von dort sorgten für eine Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit diesem Krieg. Doch wer interessiert sich in Deutschland für das Sterben im Jemen, wo die Saudis mit deutschen Waffen kämpfen? Wer für die Millionen Opfer bei den Kriegen im Kongo, in Somalia, Süd-Sudan oder der Zentralafrikanischen Republik? Die Menschen dort erleben ihr Stalingrad jeden Tag aufs Neue: An sie gilt es zu denken, wenn der Name Stalingrad fällt.