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Leitartikel
Merkel ist als CDU-Chefin derzeit noch alternativlos

FOTO: SZ / Roby Lorenz
In der Politik tut man oft gut daran, abzuwarten. Nach der Bayern-Wahl am kommenden Sonntag sieht die Welt schon anders aus, nach Hessen in drei Wochen dann noch einmal. Von Werner Kolhoff

Es war daher richtig, dass Angela Merkel nach der Abwahl Volker Kauders nicht hektisch reagiert hat und bei ihrer angekündigten zehnten Kandidatur als CDU-Vorsitzende geblieben ist. Die Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz ist in den allermeisten Fällen der Anfang von einem dann ziemlich abrupten Ende. Siehe Gerhard Schröder. Zweitens schießen die Preußen dann so schnell doch nicht, als dass eine Langzeit-Kanzlerin so mir nichts, dir nichts abserviert werden könnte.


Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende hat beim Deutschlandtag der Jungen Union in Kiel an diesem Wochenende gleich mehrere Tests bestanden, mit ziemlicher Bravour. Erstens: Sie ist nicht verunsichert, kein bisschen. Wenn es die Hoffnung einiger gewesen sein sollte, die Chefin werde nach all dem Frust dieses verkorksten Jahres ihre Spannkraft verlieren, so haben sie sich getäuscht. Sie wirkte jünger als viele der Jungen in der Union. Mit ihren Spitzen gegen den niedrigen Frauenanteil in der Führung der Jugendorganisation und ihren Hinweisen auf die eigentlichen Zukunftsaufgaben des Landes hat die CDU-Vorsitzende den Nachwuchs mit ziemlich leichter Hand auf die Matte geschickt. Die negative Energie des Angreifers aufnehmen und ganz ohne Hektik umwandeln, das ist große Judo-Kunst.

Sie hat zweitens auch den Test bestanden, dass es derzeit keinen ernsthaften Herausforderer für sie gibt. Jedenfalls ist auch in Kiel keiner aus der Deckung gekommen. Der Beifall für den neuen Fraktionschef Ralph Brinkhaus hat freilich auch gezeigt, wie groß das Bedürfnis nach einem irgendwie gearteten Neuanfang ist. Merkel ist als CDU-Vorsitzende derzeit noch alternativlos. Gleichzeitig aber hat sie den Zenit ihrer Macht deutlich überschritten, und die Partei sehnt sich nach frischem Wind. Das ist die Lage.



Dass die 64-Jährige auf dem anstehenden Parteitag im Dezember in Hamburg für weitere zwei Jahre als CDU-Vorsitzende kandidieren will, ist – Stand heute – richtig. Alles andere würde die Union in ein heilloses Chaos stürzen. Ihre erneute Bewerbung gegen bislang drei unbekannte Gegenkandidaten – ein Völkerrechtler, ein Jura-Student sowie ein Unternehmer – wäre aber falsch, ja sogar grob fahrlässig, wenn Merkel keinen Fahrplan hätte, um spätestens 2020, ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl, einen Wechsel an der Parteispitze herbeizuführen. Sie muss diesen Fahrplan nicht unbedingt jetzt schon mitteilen – das führt nur dazu, dass sofort mit der Nachfolgediskussion begonnen wird.

Aber haben muss sie ihn. Alles andere wäre ein Vabanque-Spiel mit der Zukunft der Partei. Aus der klug abwartenden Vorsitzenden würde dann eine, die an der Macht klebt. Eine Pattex-Angela. Und ihre bisherige positive politische Leistungsbilanz würde sich ins Gegenteil verkehren.