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Leitartikel
Das Wunderkind Macron hat seinen Glanz verloren

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Das Bild vom sinkenden Schiff drängt sich auf. Gleich drei Minister, die binnen drei Wochen von Bord gehen. Und nicht irgendwelche Politiker. Nein, mit Innenminister Gérard Collomb, Umweltminister Nicolas Hulot und Sportministerin Laura Fessel verlassen die beliebtesten Persönlichkeiten die französische Regierung. Von Christine Longin

Der Abgang scheint den krassen Übergang vom Frühling in den politischen Herbst des Präsidenten zu markieren. Auf alle Fälle hat Emmanuel Macron, das einstige Polit-Wunderkind, in nur zwei Monaten all seinen Glanz verloren.


Und das wegen einer Affäre, die der 40-Jährige als „Sturm im Wasserglas“ abtat. Dabei offenbarte sein prügelnder Sicherheitsmitarbeiter Alexandre Benalla auf einen Schlag alle Schwächen des Präsidenten. Eine selbstherrlich eingerichtete Parallelstruktur im Elysée, Arroganz im Umgang mit Problemen und ein Allmachtsgefühl, das auch vor den anderen Institutionen der Republik nicht halt macht. Dazu ein katastrophales Krisenmanagement, das den Eindruck erweckt, dass eher Heimwerker als Profis am Werk sind. Sie werkeln an Problemen herum, die hausgemacht sind. Denn der Präsident hat sie selbst geschaffen.

Das zeigt der Rückzug des Politveteranen Collomb, der wie ein Seismograph die Wellen der Unzufriedenheit im Land spürt. Der väterliche Freund mahnte als Erster mehr Bescheidenheit an. Er ging damit klar auf Distanz zum Präsidenten. Auch, um seinen Sieg bei den Kommunalwahlen in anderthalb Jahren in Lyon nicht zu gefährden. Denn zu tief ist Macron inzwischen in den Umfragen gesunken, als dass er noch ein Trumpf bei den Wählern wäre. Nur 19 Prozent der Franzosen sind mit seiner Bilanz zufrieden.



Collomb verlässt die Regierung zu einem Zeitpunkt, den er selbst gewählt hat. Ein Autoritätsverlust für Macron, der einmal mehr überrumpelt ist. Seine Präsidentschaft scheint ihm immer mehr aus den Händen zu gleiten. Statt mutig zu gestalten, flickt er nur noch notdürftig die Löcher, die seine Minister hinterlassen haben. Und erinnert dabei immer mehr an seine Vorgänger. Der 40-Jährige, der vor einem Jahr wie Göttervater Jupiter das Land führen wollte, ist zu einem normalen Präsidenten geworden. Ausfällig wie Nicolas Sarkozy, halbherzig wie François Hollande – die lauwarme Gesundheitsreform ist dafür der beste Beweis.

Für die Europawahlen im kommenden Jahr bedeutet die Schwächung des französischen Präsidenten nichts Gutes. Seine Partei verlor bereits so stark an Zustimmung, dass sie in Umfragen mit dem rechtspopulistischen Rassemblement National gleichauf liegt. Ob Macron das Duell mit Marine Le Pen noch einmal für sich entscheiden kann, ist fraglich. Auch seine Strategie, Europa in Populisten und Progressive zu spalten, ist riskant. Die Rolle des europäischen Hoffnungsträgers hat Macron ohnehin verspielt. Wer nicht einmal in seinem eigenen Haus für Ordnung sorgen kann, kann auch nicht Europas Anführer sein.