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55. Jahre Elysée-Vertrag
Grenzregion wächst durch kleine Erfolge zusammen

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Meinung Am Anfang stand politischer Wille. Er führte vor 55 Jahren zum Elysée-Vertrag. Bis die deutsch-französische Versöhnung, von oben verordnet, in den Köpfen und im Alltag der Menschen ankam, sollte es noch einige Zeit dauern. Die Gefahr für die Beziehung ist heute weniger Anfeindung als Gleichgültigkeit. Wozu soll diese besondere Nähe weiterhin gepflegt werden? Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

 Bei uns im Saarland ist sie eine räumliche Realität. Mehr als Absichtserklärungen sind hier pragmatische Ansätze gefragt. Umgesetzt wurde schon Einiges. Azubis werden in der Berufsschule im Heimatland und zugleich in einem Betrieb beim Nachbarn ausgebildet, das Centre Pompidou stellte während der Baustellenphase Werke aus der Modernen Galerie aus, die Saarbahn fährt bis nach Saargemünd und in der Terror-Nacht von Paris standen saarländische und lothringische Polizisten gemeinsam an der Goldenen Bremm, um den Grenzübergang zu kon­trollieren. Auch wenn es hier und da immer noch hakt und es im Alltag nicht immer auffällt: Es läuft schon vieles richtig jenseits des großen Protokolls. Genau wie vor 55 Jahren hat es mit starkem politischen Willen beiderseits der Grenze zu tun. Aus Liebe zum Nachbarn, klar. Aber auch aus Not. Für Lothringen ist die Nähe zum Saarland und dessen Arbeitsplätzen ein wichtiges Standortargument, um die Nachwuchskräfte zu halten. Mit der Frankreich-Strategie will sich das Saarland seinerseits ein Alleinstellungsmerkmal im Konkurrenzkampf der Bundesländer sichern. Doch egal aus welchen Gründen, diese Annäherung zwischen Nachbarn ist etwas Positives. Denn zusammen ist man immer stärker als jeder für sich.


Das gilt auch für die EU, wo es nicht mehr nur darum geht, dass Deutschland und Frankreich an einem Strang ziehen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Flüchtlingskrise: Was bringt Macrons Lob für Merkels Entscheidung, Flüchtlinge aufzunehmen, wenn Länder wie Griechenland und Italien immer noch unter dem Migrationsdruck leiden und andere wie Ungarn und Polen sich weigern, Quoten umzusetzen? Auch weitere entscheidende Zukunftsthemen wie die Energie- und Umweltpolitik, Steuerfragen oder innere Sicherheit und Verteidigung zeigen: Eine funktionierende deutsch-französische Beziehung ist wichtig, reicht aber längst nicht mehr aus.

An unserer Grenze geht es glücklicherweise nicht zunächst darum, einen Krieg zu verhindern, sondern das Erreichte auszubauen und vor Desinteresse zu bewahren. Es ist auch eine Einstellungssache. Viel zu oft ärgern wir uns darüber, was nicht funktioniert, anstatt uns über Fortschritte zu freuen. Diese werden als selbstverständlich hingenommen. Das ist der erste Schritt zur Gleichgültigkeit. Die ist nicht nur für die deutsch-französische Freundschaft gefährlich, sondern auch für Europa. Schön, dass der Krieg hier nur noch ein Schatten der Vergangenheit zu sein scheint. Die Geschichte hat aber oft anderes gelehrt. Für die Zukunft heißt das: im kleinen Rahmen Errungenschaften schätzen und sich auf der großen Politbühne weiter anstrengen. Deutsche, Franzosen und Europäer.