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Leitartikel
Die EM als Chance für ein eigentlich tolles Land

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Das wäre ja noch schöner gewesen, wenn die Türkei die EM bekommen hätte. Ein Land im permanenten Ausnahmezustand, mit Massenverhaftungen, Demonstrationsverbot, Polizeigewalt, und einem Präsidenten, der sich in den vergangenen Jahren zum Alleinherrscher entwickelt hat. Von Thomas Schäfer
Thomas Schäfer


Doch Moment: Eigentlich wäre es logisch gewesen, wenn der europäische Fußballverband Uefa eben diesem Land die Europameisterschaft 2024 zugesprochen hätte. Denn dass der organisierte Sport gesteigerten Wert auf so antiquierte Werte wie die Unabhängigkeit der Justiz oder sogar Menschenrechte legt, lässt sich leider leicht widerlegen. Die letzte WM fand in Russland statt, die nächste im Wüstenstaat Katar, wo Zwangsarbeiter die Stadien bauen, die nächsten Olympischen Winterspiele werden in Peking sein. Da erübrigt sich die Frage, was die große Welt des Sports regiert, es ist und bleibt Geld, Geld, Geld.

Und um das verdienen zu können in sechs Jahren, hat sich die Uefa für Deutschland entschieden. Hoffen wir mal nicht, dass es geschah, weil Deutschland sich auch mit Korruption im Sport gut auskennt, sondern vor allem, weil es reichlich Erfahrung mit sportlichen Großereignissen hat. Deutschland ist anders als die Türkei eine sichere Bank, wenn es um die Vermarktung des „Produkts“ Fußball geht.



Und darum geht es, leider und immer noch immer mehr: Allein im Zuge der EM vor zwei Jahren in Frankreich hat die Uefa mehr als 1,9 Milliarden Euro eingenommen – vor allem mit Fernsehrechten, Sponsoring und Eintrittskarten – und am Ende 830 Millionen Euro Gewinn gemacht. Im Vergleich zum Turnier 2012 konnten die Einnahmen damit um mehr als 30 Prozent gesteigert werden. Muss man mehr sagen über den Wahnsinn der Geldmaschine Fußball?

Trotz allem bleiben auch große Hoffnungen, die Millionen zurecht mit der EM 2024 verbinden. Die Kinderaugen, die strahlen werden im Stadion, wenn sie den Stars der Szene nah wie nie kommen. Die vielen jungen Talente, für die es ein Ansporn ist, bei einem Turnier im eigenen Land auf dem Platz zu stehen – allein das dürfte dem Fußball in Deutschland erneut einen kräftigen Schub bringen. Die zehn Spielorte, von Frankfurt bis Leipzig, dürfen sich auf zahlungskräftige Gäste aus ganz Europa und natürlich herausragende Sportler freuen.

Die größte Hoffnung vielleicht ist, dass dieses Land, das jetzt schon lange so schamlos schlechtgeredet wird, vor, während oder nach der EM mehrheitlich wieder ein Gespür für das rechte Maß bekommt. Natürlich gibt es viele Probleme, sicher gibt die Politik oft ein chaotisches, auch absurdes Bild ab – doch die Zeiten sind nun mal kompliziert, und die Welt war es schon immer. Vielleicht könnten sich alle Wutbürger und Dauerfrustrierten irgendwann etwas beruhigen, könnten lernen dankbarer zu sein für ein Leben unter historisch exzellenten Bedingungen in einem unterm Strich tollen Land. Zwölf Jahre nach dem Sommermärchen bräuchte Deutschland dringend wieder mehr Zufriedenheit, mehr Mut, Aufbruchstimmung. Wenn die EM dazu etwas beitragen kann, wäre unendlich viel gewonnen.