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Einigung in der Metallbranche
Ein kluger Kompromiss nach einem harten Tarifkonflikt

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Nach heftigen Warnstreiks und einer Marathon-Verhandlung haben sich IG Metall und Arbeitgeber auf einen wegweisenden Tarifabschluss geeinigt.

Eine harte und mit großer Inbrunst geführte Tarifauseinandersetzung geht dem Ende entgegen. Mit dem Tarifabschluss in der Metall- und Elek­troindustrie Baden-Württembergs dürfte diese Runde auch bundesweit gelaufen sein. Bemerkenswert ist vor allem, dass die Parteien bei der Arbeitszeit die Kuh vom Eis geholt haben. Die Arbeitnehmer dürfen ohne Lohnausgleich vorübergehend kürzer treten und spätestens nach zwei Jahren wieder in Vollzeit zurückkehren können.


Die Gewerkschaft IG Metall war gut beraten, den ursprünglich geforderten Lohnausgleich für diese Personengruppe vom Zettel zu streichen. Denn die Betreuung von kleinen Kindern oder die Pflege von Angehörigen noch mit einem finanziellen Zuschlag zu belohnen, wäre ein ordnungspolitischer Sündenfall erster Ordnung gewesen. Sozialpolitische Fragen gehören nicht in einen Tarifvertrag, sondern müssen gesellschaftlich geregelt werden. Lohn und Gehalt müssen sich ausschließlich an den konkreten Arbeitsaufgaben jedes Einzelnen orientieren und nicht an dessen familiärem Umfeld. Der jetzt gefundene Kompromiss, der vorsieht, dass Mitarbeiter mit privatem Betreuungsaufwand zwischen Zeit oder Geld wählen können, sichert diese Trennung von privater und betrieblicher Sphäre auch für die Zukunft.

Grundsätzlich ist nichts gegen atmende Arbeitszeiten einzuwenden. Diese Beschäftigungskorridore müssen aber in beide Richtungen offen sein, so dass die Arbeitgeber auch für einen bestimmten Zeitraum Mehrarbeit einfordern können, wenn eine gute Auftragslage dies erfordert. Auf der anderen Seite sollten die Unternehmen diesen jetzt gewonnen Spielraum nach oben nicht ausnutzen, indem sie ihre Personalplanung dauerhaft auf Kante nähen. Auch die Arbeitnehmer haben ein Recht auf Freizeit-Fenster, wenn sie außerhalb ihres Urlaubs privaten Verpflichtungen nachgehen müssen.

Klugerweise haben sich die Tarifparteien darauf verständigt, die neuen Arbeitszeit-Modelle zunächst einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und nach zwei Jahren zu schauen, ob sie praxistauglich sind. Im Arbeitsalltag herrschte bisher ja auch kein Wildwest. Betriebliche und private Belange können auch heute schon auf dem kleinen Dienstweg so geregelt werden, dass beide Seiten damit leben können. Außerdem gibt es hinsichtlich der Arbeitszeit in vielen Firmen entsprechende Vereinbarungen, die mit den Betriebsräten abgeschlossen wurden.

Beim Entgelt haben die Tarifparteien ebenfalls die Kirche im Dorf gelassen. Mit einer Erhöhung von 4,3 Prozent bei einer Laufzeit von 27 Monaten können beide Seiten leben. Die Arbeitnehmer haben auch real etwas mehr Geld auf dem Konto. Angeknabbert wird dieses Plus jedoch nicht allein von Preiserhöhungen, sondern auch von der steuerlichen Progression. Die Gewerkschaften sollten auch hier die Muskeln spielen lassen – und zwar gegenüber der künftigen Bundesregierung. Eine arbeitnehmerfreundliche Besteuerung würde mehr bringen als verbissene Kämpfe um Lohnprozente.