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Leitartikel
Was bei der Bahn nach dem Seuchenjahr passieren muss

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Bei der Bahn ist es wie bei Jogi Löws „Mannschaft“: modernstes Image, aber sehr schlechte Ergebnisse. Und ebenfalls 82 Millionen Trainer. Auch für Deutschlands wichtigstes öffentliches Verkehrsmittel war 2018 ein Seuchenjahr. Von Werner Kolhoff

Immer mehr Verspätungen im Personenverkehr. Dafür immer weniger transportierte Güter. Die Schulden steigen. Das Unternehmen schliddert langsam in eine schwere Krise, aus der es allein nicht wieder herausfinden kann. Dann ist der Eigentümer gefragt, der Bund. Also der Steuerzahler.


Dabei zeigt die Neubaustrecke Berlin-München wie es gehen kann. Jedenfalls seit die Startprobleme dort behoben sind. Modernste Technik, beste Schienenwege. Die Verbindung ist gegenüber dem Auto unschlagbar schnell und günstig. Die Passagiere kommen in Scharen. So müsste es überall sein.

Doch das gesamte Netz so auszubauen, das kann die Bahn allein nicht stemmen. Sie hat einen riesigen Nachholbedarf an Investitionen, etwa an den großen Knotenpunkten, die leistungsfähiger gemacht werden müssen. Dazu bei den Werkstätten. Beim rollenden Material. Erst dann kann sie pünktlicher werden. Bei der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag und Freitag ist das alles endlich auf den Tisch gekommen.



Die Bahn muss aber auch massiv in die Zukunft investieren, damit sie das Wachstum, das sie haben will und klimapolitisch auch haben soll, überhaupt verkraften kann. Etwa in digitale Signaltechnik für einen zuverlässigen Deutschland-Takt. In Fachkräfte. In neue Züge. Wenn man so will, hat der Konzern gerade die Wachstumsschmerzen der Jugend und die Verschleißprobleme des Alters gleichzeitig. Das Medikament dagegen heißt Geld, aber nicht nur.

Es heißt auch gute, entschlossene Führung. Das fängt oben an, bei der Politik. Der Staat ist der Eigentümer, er macht die Vorgaben. Die Bahn muss in der Verkehrspolitik eine klare Priorität bekommen, wenn dieser Sektor etwas zum Klimaschutz beitragen soll. Das aber ist bei Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bisher nicht zu spüren.

Freilich müssen auch die Strukturen und Verantwortlichkeiten im Unternehmen stimmen. Darauf hat Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter zu Recht hingewiesen. Wieso kommt man so spät darauf, in den Zügen W-Lan anzubieten? Warum dünnt man die Beratung der Cargo-Kunden aus, statt stärker um sie zu werben? Weshalb bemerkt niemand die sich anbahnende Lücke bei den Werkstattkapazitäten, so dass inzwischen vier von fünf ICE Mängel haben? Wie kann es sein, dass bei Verspätungen die Information der Kunden immer noch so schlecht ist?

Das sind Fragen, die sich alle nicht stellen würden, wenn es im Unternehmen auf allen Ebenen Leistungsorientierung, Teamgeist und Servicedenken gäbe. Bis ins Management. Wäre Hofreiter übrigens Verkehrsminister – was bei einer Jamaika-Koalition ja durchaus passieren könnte –, dann ginge es wohl ganz anders ab im Konzern. Denn die Grünen wollen wirklich etwas von der Bahn.