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Verzicht auf Ministerposten
Der Irrtum Martin Schulz hinterlässt die SPD im Chaos

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Meinung Vor einem Jahr gefeiert. Jetzt tief gefallen. Der Verzicht von Martin Schulz auf Parteivorsitz und Ministeramt war unvermeidbar. Von Hagen Strauss

Knockout in nur einem Jahr. Eine solche Achterbahnfahrt eines Politikers in kürzester Zeit wie die des Martin Schulz hat es in der Geschichte der Bundesrepublik wohl noch nie gegeben. Aus, Aus, das Spiel ist aus.


Martin Schulz kann einem leidtun. Sein Fall birgt unglaubliche Tragik. Einerseits. Andererseits ist Politik kein Kindergeburtstag. Es hat sich gezeigt, dass der Mann aus Würselen schlichtweg überfordert gewesen ist mit den Aufgaben des Parteichefs und des Kanzlerkandidaten; mit der großen Herausforderung, die SPD dann nach der desaströsen Bundestagswahl strategisch geschickt zu positionieren und zugleich einen Erneuerungsprozess einzuleiten.

Letzteres war eine große Illusion. Ein Wahlverlierer, der seine Ziele so extrem verfehlt wie Schulz, kann dafür nur der falsche Mann sein. Schulz ist nicht nur ein Missverständnis, ein Unfall in der sozialdemokratischen Geschichte, sondern er ist in den letzten Monaten zum Super-Gau der Genossen geworden. All das, wofür er mal gestanden hat, und wofür er auch hundert Prozent bei seiner ersten Wahl zum Vorsitzenden bekommen hat, Authentizität, Herzblut und vor allem Glaubwürdigkeit, hat sich innerhalb kürzester Zeit verflüchtigt. Von ihm selbst zerstört. Der Gottvater der SPD ist am Ende nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen. So kann man keine Partei erneuern und wieder hinter sich scharen.



Nicht andere haben ihn zu Fall gebracht. Nicht Andrea Nahles, die  den Vorsitz der SPD übernimmt; auch nicht der forsche Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert mit seiner Anti-Groko-Kampagne; schon gar nicht Sigmar Gabriel, der als moralisierender Ankläger – ausgerechnet er – in peinlicher Weise Schulz und die gesamte Parteiführung angegangen ist und sich damit nur selbst disqualifiziert hat. Endgültig zu Fall gebracht hat Schulz sich allein. Er ist Opfer des Chaos’, das er angerichtet hat in einer Partei, die ohnehin anfällig ist für selbstzerstörerisches Verhalten.

Nein, Jein, Ja zur GroKo. Niemals Minister unter Angela Merkel, dann doch mit dem Anspruch, als Außenamts-Chef ins Kabinett zu wechseln. Im Glauben, der gleichzeitige Verzicht auf den Parteivorsitz würde seine früheren Äußerungen und seinen Schlingerkurs vergessen machen. Das war so naiv wie vieles andere in dem einen Jahr seiner bundespolitischen Karriere. Als ob die Basis es goutieren würde, dass Schulz sich noch mit einem Minsterpöstchen belohnt. Zuletzt stand das Ja zur Groko bei der anstehenden Mitgliederbefragung sogar auf dem Spiel, weil die Personalfrage die guten Inhalte, die die SPD in den Koalitionsvertrag hinein verhandeln konnte, völlig überlagert hatte. Schulz‘ Ambitionen sind für die SPD schlichtweg existenzgefährdend geworden.

Sein erzwungener Verzicht könnte nun die entscheidenden Stimmen für die Groko bringen. Ob damit aber auch das Chaos in der SPD beendet sein wird, ist nicht sicher. Schließlich muss sich die Partei nun auch selber fragen, wieso sie sich in Martin Schulz so irren konnte. Und wieso sie dies so spät bemerkt hat.