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Rede an die Nation
Der Egomane Donald Trump kennt keine Nuancen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Bei seiner ersten Rede zur Lage der Nation überraschte US-Präsident Trump mit moderten Tönen. Nicht überraschend war das Selbstlob. Von Frank Herrmann

Es waren zwei Botschaften, die Donald Trump aussandte: Amerika ist auf dem richtigen Weg, und Amerika ist nicht nur stark, sondern auch bereit, sich seiner Stärke resolut zu bedienen. Das alles, gab der US-Präsident zu verstehen, habe einzig und allein mit dem Machtwechsel im Weißen Haus zu tun. Früher Obama, der Wirtschaftsbremser, der Zauderer. Heute Trump, der Wirtschaftskenner, der Entscheider. Es ist die Sicht eines Egomanen, der es einfach nicht lassen kann, sich selber in den Mittelpunkt zu rücken. Er allein könne die Probleme der Republik lösen, tönte er, als ihn die Republikaner zum Kandidaten fürs Oval Office kürten. Und nun? Die gute Wirtschaftslage? Die Börsen-Hausse? Eine niedrige Arbeitslosigkeit? Alles sein Verdienst! Es war jenes unerschütterliche Selbstlob, das sich wie ein roter Faden durch Trumps Premierenrede zur Lage der Nation zog. Gipfelnd in dem Satz, dass er nach zwölf Monaten im Amt auf außergewöhnliche Erfolge zurückblicken könne. Wobei er den irreführenden Eindruck erweckte, als wäre es den USA erst unter seiner Regie gelungen, aus dem Jammertal der Stagnation zu klettern.


Seine Steuersenkung erklärte er zur größten der Landesgeschichte, was erstens nicht stimmt und zweitens ausblendet, dass geringere Staatseinnahmen, wie Experten sie prognostizieren, die Schuldenberge weiter anwachsen lassen. Auf Wahlkampfbühnen hatte er noch düstere Abgründe beschworen. Inzwischen malt er die Realität, die in Wahrheit ja immer nur aus etlichen Grautönen besteht, in strahlendem Weiß. Schwarz oder weiß –  sie ist nach wie vor ziemlich simpel, die rhetorische Welt des Donald Trump.

Vom Sternenbanner-Patriotismus, den er im Kongress predigte, war der Weg nicht weit zur Aufforderung an die Demokraten, ihm die Hand zu reichen, gleichsam in patriotischer Pflichterfüllung. Um zunächst eine Minireform des Einwanderungsrechts anzupeilen, verbunden mit dem Beginn des Mauerbaus an der Grenze zu Mexiko. Später dann ein gewaltiges Paket zur Modernisierung der maroden Infrastruktur. Die Zahl, die er in den Raum warf, 1,5 Billionen Dollar, übersteigt jedes realistische Maß. Woher das Geld für eine Investitionsoffensive kommen soll, bleibt Trumps Geheimnis.



Auch die zweite Botschaft, die von der Stärke, lässt Nuancen weitgehend vermissen. Dass Trump in erster Linie militärische Macht meint, eine Macht, mit der kein Rivale zu konkurrieren vermag, hat er einmal mehr deutlich gemacht. Und zu vermeintlich wiederentdeckter amerikanischer Entschlossenheit gehört für ihn, Terrorverdächtige  als feindliche Kombattanten zu sehen, also die Regeln des Rechtsstaats für sie nicht gelten zu lasten. Alle Versuche, das Gefangenenlager an der Bucht von Guantánamo zu schließen, sind fürs Erste vom Tisch. Guantánamo, gibt der Hardliner zu verstehen, wird eher ausgebaut.   Selbst dort, wo Trump sich einem seiner Vorgänger, nämlich George W Bush.  annährt, begibt er sich auf einen Irrweg. Es bleibt zu hoffen, dass ihm sein Land dabei nicht mehr lange folgt.