| 20:32 Uhr

Chinesen klonen Affen
Den menschlichen Wahnsinn hält kein geklonter Esel auf

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Meinung Die Meldung über das erfolgreiche Klonen von Affen hat ein ethische Debatte ausgelöst. Leider wird sie nicht dort geführt, wo es nötig wäre. Von Thomas Schäfer
Thomas Schäfer

Jetzt, da China Affen geklont hat, scheint alles möglich: Eine fantastische neue Welt, in der wir alle 150 Jahre alt werden können, vielleicht auch 250 oder 500 Jahre. Falls wir das wirklich wollen.Die Chinesen, da gibt es wenig Zweifel, werden wollen. Seit Jahren wird im Reich der Mitte an Klonfabriken gearbeitet, in denen tausendfach perfektes Leben hergestellt werden soll. Noch geht es „nur“ um Kühe. Doch in einem Land, in dem Fortschrittsglaube und Aufstiegsstreben so groß sind, wird es keine Frage des Ob sein, nur eine des Wann. Dafür ist die Entwicklung zu konstant. Schon über 20 Tierarten wurden geklont.


Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben: Was machbar ist, wird gemacht. Der Mensch, die angebliche Krönung der Schöpfung, ist zu schwach, um der Versuchung zu widerstehen, Gott zu spielen. Früher oder später wird es auch um finanzielle Interessen gehen. Weshalb, wenn der Damm der ethischen Bedenken gebrochen ist, Giganten wie Google oder Amazon ins Geschäft einsteigen könnten. 

Der Segen, den der technische Fortschritt gebracht hat, ist unbestritten, nicht hoch genug zu bewerten. Im Kampf gegen Krankheiten erscheint vielen daher ja auch das Klonen so reizvoll. Aber riesige Hallen, wo sich Körper-Kopien stapeln, die wir im Notfall als Ersatzteillager nutzen? Aus heutiger Sicht ist das undenkbar, wobei das auch nicht stimmt. In Science-Fiction-Filmen ist das zigfach durchgespielt worden. Bloß werden diese Horrorszenarien allmählich Realität. Das ist pervers, verstörend, krank. Aber was, wenn der eigene Tod näher rückt? Denkt man dann vielleicht ganz anders über neue Möglichkeiten der Medizin?

Zumindest die 45 superreichen Familien in Deutschland, die so vermögend sein sollen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung, werden sich eines Tages womöglich Klone ihrer Selbst leisten können. Oder gezüchtete Organe werden sogar zur Massenware, die man bei Amazon bestellen kann. Kaputtes Herz – kein Problem. Ein neues gibt es nächste Woche im Angebot, am „Happy Heart Monday“.

Ganz großer Schwachsinn? So leicht ist es leider nicht. Die Menschheit steht einmal mehr am Scheideweg zwischen Vernunft und Wahn. Es ist der Dynamit-Moment. Als Alfred Nobel einst seine mächtige Erfindung machte, hatte er auch Gutes im Sinn. Doch schnell wurde sie zur tödlichen Waffe.



Es steht zu befürchten, dass sich die Gier des Menschen nach Ruhm, Macht und Geld wieder durchsetzen wird. Denn wer soll das Menschenklonen weltweit verbieten? Wo die Staaten dieser Erde doch so wenig gemeinsam hinbekommen, nicht mal den Kampf gegen die Klimakatastrophe. Die Debatte, die nach der Affen-Geburt angelaufen ist, mag richtig und wichtig sein, doch sie wird von den falschen Leuten geführt. Dass deutsche Bischöfe entsetzt sind und warnen, ist wahrlich keine Überraschung. Aber was sagen die Chinesen? Und was denken die gnadenlosen „America first“-Kapitalisten? In Anlehnung an ein Honecker-Zitat lautet die Antwort wohl: Den menschlichen Wahnsinn in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Auch kein geklonter.