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Leitartikel
Automatische Organspende ist kein Zwangssystem

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Man muss es sich nur mal vor Augen führen: weniger als zehn Organspender pro eine Million Einwohner. Konkret: Die rund 10 000 Schwerkranken, die derzeit in Deutschland auf Hilfe warten, warten in den allermeisten Fällen vergeblich. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Und was tun wir dagegen? Wenn wir ehrlich sind: so gut wie nichts. Mit Sicherheit nicht aus Böswilligkeit und auch nicht aus mangelnder Hilfsbereitschaft. Organtransplantation ist nun mal kein Routineeingriff. Die große Mehrheit befasst sich erst mit dem Thema, wenn sie selbst oder jemand im Bekannten-oder Verwandtenkreis betroffen ist. Hinzu kommt: Wer in Deutschland nach seinem Tod anderen Menschen seine Organe zur Verfügung stellen möchte, muss sich bewusst dafür entscheiden. Was die Verfechter des aktuellen Systems als „Freiheit“ anpreisen, ist in Wahrheit ein verheerender Zustand. Ein Zustand, der mit dafür sorgt, dass Deutschland in Sachen Organspende zu den Schlusslichtern Europas zählt. Deshalb ist es allerhöchste Zeit, sich am Spitzenreiter Spanien ein Beispiel zu nehmen und endlich eine Widerspruchslösung einzuführen. So würde jeder automatisch zum potenziellen Organspender, es sei denn, er entscheidet sich bewusst dagegen. Das ist Selbstbestimmung, die der gesamten Gesellschaft nützt. Halbherzige Ansätze wie die 2012 beschlossene Befragung zur Bereitschaft sind wenig hilfreich. Mich persönlich hat noch nie jemand zu dem Thema befragt. Vielen anderen dürfte es ähnlich gehen. Wieso sollte eine Widerspruchslösung „Misstrauen in die Transplantationsmedizin“ schüren, wie ihre Kritiker meinen? Niemand würde gezwungen, seine Organe zu spenden. Wer das aus Glaubensgründen oder sonstigen Überzeugungen ablehnt, kann ausdrücklich widersprechen. Das Argument des entmündigten Bürgers zieht hier nicht.


Das Beispiel Spanien zeigt, dass das Widerspruchssystem Leben rettet. Statt in Deutschland Millionen für Werbekampagnen in den Sand zu setzen, sollte der Staat endlich eine effiziente und überfällige Regelung umsetzen. Und ja, die Zahl der Unfalltoten sinkt. Auch deshalb sinkt die Zahl der Spender. Die Politik hat natürlich keinen Einfluss darauf, wie viele Menschen einen Hirntod erleiden. Was die Politik aber sehr wohl beeinflussen kann, ist, ob jeder, der in Frage käme, auch praktisch herangezogen wird.

Die Idee des Transplantationsbeauftragten ist zwar gut gemeint, aber genau wie die Befragungslösung höchstens Stückwerk. Jemand, der Angehörige nach dem Tod eines geliebten Menschen auch noch mit der Organspendefrage behelligen muss, hat keinen dankbaren Job. Der Wille des Verstorbenen muss bereits vor seinem Tod klar sein. Es ist nicht die Aufgabe meiner Angehörigen, über meine Organe zu entscheiden! Eine konsequente Widerspruchslösung könnte auch die Familie entlasten.

Organspende ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Es geht um Solidaridät, um eine Art soziale Absicherung über den Tod hinaus. Die Kräfte des „freien Marktes“ werden es nicht richten. Hier muss der Staat handeln.